Berlin - Den letzten großen Masern-Ausbruch erlebte Berlin 1970, in ähnlichem Ausmaß wie heute. Die DDR erließ damals eine Pflicht zur Masern-Impfung. Der Infektionsexperte Wolfgang Kiehl setzte sie als oberster Impfarzt in Ost-Berlin um.

Herr Kiehl, wie gingen Sie Ihre große Aufgabe damals konkret an?

Als die Anweisung kam, organisierten wir eine Impfaktion von Juni bis November. Es war dringend: Im Januar waren 476 Fälle gemeldet, im Februar 526, im März schon 882! Die freiwilligen Impfungen vorher hatten nicht die nötige Impfquote von 90 Prozent erreicht – wie heute oft wieder. 1970 gab es neuen Impfstoff, den wir bei allen nachgeborenen Kindern einsetzten: bei allen Vorsorge-Untersuchungen und, wenn es viele Ungeimpfte gab, direkt in den Krippen und Kindergärten. Wir impften rund 23.500 Kinder.

Wie wurden Verstöße gegen die staatliche Impfpflicht bestraft?

Gar nicht. Gegen „Verweigerer“ wurde nichts unternommen. Darum ärgert mich, wenn in der aktuellen Debatte von „Impf-Zwang“ die Rede ist. Nein, wir haben die Impfpflicht aufgefasst als Pflicht des Staates, die Kinder zu schützen und zugleich als Pflicht der Eltern, diese Möglichkeit zu nutzen. Es war eine moralische Pflicht, zum Impfen zu gehen – und bald selbstverständlich. Das basierte nicht auf Zwang, sondern auf hohem Vertrauen gegenüber Ärzten und Gesundheitswesen. Nicht das Gesetz war die Autorität, sondern der Arzt, der darauf achtet, dass jedes Kind geimpft ist.

Es gelang Ihnen, die Epidemie zu stoppen. Hatten Sie dafür besondere personelle oder finanzielle Mittel?

Öffentlicher Gesundheitsdienst samt Impfwesen waren in der DDR besonders gefördert und vergleichsweise gut ausgestattet. Aber sicher war der betriebene Aufwand nicht viel größer als heute, wo ja auch das Ziel besteht, jedes Kind zu impfen.

Wollte die DDR die Masern auf ihrem Gebiet ganz ausrotten?

Erst nach 1983, als sie das Programm ausweitete und Ältere nachimpfte – so erfolgreich, dass das Ziel der Eliminierung 1990 wohl erreicht worden wäre. Aber nach 1989 gab es andere Prioritäten im Gesundheitssystem. Das Impfverhalten glich sich bald dem laxeren im Westen an.

Wie wichtig war Ihnen Aufklärung, wenn ohnehin Impfpflicht bestand?

Sehr! Die Aktion begleitete eine massive Kampagne: 27.000 Merkblätter, Presseinformationen, Werbung in Radio, TV, Kinos. Um Eltern kleiner Kinder zu erreichen, habe ich fürs Programmheft des Kindertheaters Clown Ferdinand sogar gedichtet: „Ohne Impfung, das ist klar, droht die Infektionsgefahr ...“

Die DDR nutzte Ihre Impferfolge auch für Propagandazwecke aus ...

Das war nicht Sache von uns Ärzten. Natürlich hat die DDR, wenn sie mal Erfolge erzielte, diese genutzt, um die Überlegenheit des Sozialismus zu betonen. Mir ging es nur um den Schutz der Bevölkerung, dafür sind gute Impfquoten wichtig.#bigimage

Wie gingen Sie mit dem Risiko von Impfschäden um?

In der Medizin gibt es keinen Eingriff ohne Risiko. Bei Masern weiß man, dass das Risiko von Impfschäden extrem kleiner ist als mögliche Folgen der Erkrankung. Aber alle Komplikationen wurden zentral erfasst und analysiert. Der Staat entschädigte Betroffene. Es stimmt zwar, dass die Mediziner dem Einzelnen die Risikoabwägung weitestgehend abnahmen – aber das war damals nicht ungewöhnlich. Die heutige Transparenz hat sich auch im Westen erst in den letzten Jahren entwickelt. Es wäre nur gut, wenn die heutigen Möglichkeiten stärker genutzt würden, um sich für angebotene Impfungen zu entscheiden.

Eben: Die Transparenz löst auch Bedenken aus, es gibt viele Impfgegner. Erlebten Sie damals Abwehr gegen die Pflichtimpfungen in der DDR?

Keine, die uns auffiel. Heute ist die Liste empfohlener Impfungen nicht viel kürzer. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung geht heute von nur einem Prozent aktiver Gegner aus – das war damals auch meine Analyse für Ost-Berlin. Die meisten anderen dürften Informationsgespräche mit einem Arzt, dem sie voll vertrauen, überzeugen.

Also ist Ihre Lehre aus Ihrem Erfolg ...

Nicht unbedingt, dass es mehr Druck braucht. Eher, dass man den Ärzten ermöglichen muss, echte Überzeugungsarbeit zu leisten. An der Zeit dafür fehlt es heute leider offenbar oft.

Das Interview führte Steven Geyer.