Genau 909 Tage sind vergangen, seitdem Mario K. in Haft genommen wurde. Vor 276 Tagen sprach das Landgericht in Frankfurt (Oder) den gelernten Dachdecker für eine Reihe spektakulärer Verbrechen an wohlhabenden Familien in Ostbrandenburg für schuldig und verhängte eine lebenslange Freiheitsstrafe. Seit zwei Wochen liegt das Verfahren beim Bundesgerichtshof (BGH).

Die Verteidiger von Mario K. hatten Freispruch gefordert und Revision eingelegt. Ebenso wie ein Anwalt der Nebenkläger, der neben der Höchststrafe auch die Sicherungsverwahrung verlangt. Der sogenannte Maskenmann-Prozess ist noch nicht vorbei.

Einseitige Ermittlungen?

Zu vieles in diesem Verfahren ist umstritten. Es gibt kein Geständnis von Mario K., keine DNA an den Tatorten, keine Fingerabdrücke, keine eindeutigen Beweise. Wohl aber eine Reihe von Indizien, die aber selbst Ermittler mit Skepsis sehen. Umstritten ist vor allem die Rolle der Polizeiführung, die sich offenbar in die Ermittlungen eingemischt hat – auch wenn ein interner Bericht der Polizei dies verneint. Umstritten ist auch die Rolle der Leitung der Soko Imker, benannt nach der Gaze-Maskierung des Täters. Sie soll kritischen Beamten einen Maulkorb erteilt und sich sehr früh auf Mario K. festgelegt haben.

Drei Verbrechen haben die Menschen in Bad Saarow und Storkow aufgeschreckt. Zwei Jahre lang ermittelte die Polizei. Es heißt, der Druck von oben, endlich einen Täter zu präsentieren, sei enorm gewesen. “ Doch es kann nicht sein, dass durch blinden, vorauseilenden Gehorsam alle rechtsstaatlichen Grundsätze außer Kraft gesetzt werden“, sagt Björn Lakenmacher, innenpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion.

Am 22. August 2011 überfiel ein mit einer Sturmhaube maskierter Mann Petra P., die Ehefrau eines Immobilienmillionärs. Der Täter knüppelte die 61-Jährige vor ihrer Villa in Bad Saarow mit einem Schlagstock nieder. Am 2. Oktober 2011 versuchte ein Maskierter, die 23-jährige Tochter von Petra P. zu entführen. Ein Bodyguard stellte sich dem bewaffneten Mann in den Weg. Der Täter schoss ihm in den Rücken, die Frau konnte fliehen. Der Leibwächter sitzt seitdem im Rollstuhl.

Am 5. Oktober 2012 wurde der Investmentbanker Stefan T. aus seiner Villa am Storkower See auf abenteuerlich anmutende Weise entführt. Der Täter hatte im Haus in die Decke geschossen. Es war dieselbe Waffe, mit der auch der Bodyguard niedergestreckt worden war. Stefan T. wurde an einem Kajak hängend zu einer Insel im Sumpf gebracht. Er musste an seine Frau Briefe mit der Lösegeldforderung von einer Million Euro schreiben. Das Geld sollte nach einem – auch nach Ansicht der Richter – bemerkenswert komplizierten GPS-Verfahren übergeben werden. Dann wurde Stefan T. gefesselt zurückgelassen. Nach 33 Stunden konnte er sich selbst befreien und fliehen. Ohne sichtbare Kratzer, ohne Unterkühlung, ohne Schock. So haben es die Ermittler ausgesagt.

Jedes Opfer eines Kapitalverbrechens wird von einem Gerichtsmediziner untersucht, um die Verletzungen zu dokumentieren. Im Fall von Stefan T. wurde das versäumt. Ein Monate später beauftragter Gerichtsmediziner sagte vor Gericht, dass man eine derartige Entführung nicht ohne Verletzungen überstehen könne. Seiner Ansicht nach gebe es nur geringe Anzeichen für den von Stefan T. geschilderten Tatablauf.

Irritierend ist auch die Vorstellung, dass Stefan T. einen Tag nach seiner Befreiung spontan in den Urlaub fliegen durfte, nachdem der damalige Polizeipräsident Arne Feuring mit ihm telefoniert hatte. Dass Stefan T. offenbar über die Ermittlungen informiert wurde. Dass Kriminalisten die Angaben des Entführten nicht kritisch hinterfragen durften, Fragen sogar verboten wurden. Eine Beamtin sprach von einer Anweisung, wonach man einem Mann mit solch finanziellem Hintergrund mit derartigen Fragen nicht konfrontieren durfte. Der Verdacht, dass Indizien, die Mario K. entlastet hätten, ignoriert wurden, konnte nie richtig ausgeräumt werden.

Mario K. kann nach einer Schussverletzung das rechte Knie nicht mehr richtig beugen. Wäre er der Täter gewesen, hätte er nicht diesen Sumpf als Entführungsort gewählt, sagte ein Orthopäde im Prozess. „Durch so ein Gelände kann man mit so einer Knieschädigung nicht gehen.“ Im Urteil heißt es dazu, dass diese Beurteilung der Täterschaft von Mario K. nicht entgegenstehe. Es spielte auch keine Rolle, dass Mario K. viel größer ist, als die Opfer ihn zunächst beschrieben haben. Und dass andere Körpermerkmale zunächst nicht zutrafen. Er passte auch nicht zu einem Phantombild vom Täter, das später auf Anweisung von oben verändert worden sein soll.

Spuren wurden nicht bis zum Ende verfolgt. Weil man sich irgendwann auf Mario K. konzentriert habe und man Prioritäten setzen musste, erklärte einer der Chefermittler. Etwa die DNA-Spur an einer Decke, die man am Entführungsort fand. Sie stammt von einem vorbestraften Mann. Die Soko habe keine Veranlassung gehabt, dieser Spur nachzugehen, hieß es. Oder die Indizien, die auf einen Bundespolizisten hinwiesen. Die Verteidiger meinen, die Soko sei der Spur nicht hinreichend nachgegangen.

Mögliches Motiv: Hass auf Reiche

Für die Richter war Mario K. ohne Zweifel der Maskenmann. Es gibt laut Urteil Parallelen zu früheren Straftaten des 48-Jährigen. Er hat Schießerfahrung mit einer typgleichen Waffe. Er hat einige Zeit in einem sumpfigen Gebiet in Berlin campiert, ist mit einem Kajak über die Gewässer gepaddelt, hat Jachten ausgeräumt und angezündet. Bis er erwischt und 2004 verurteilt wurde. Damals wie heute wurden ihm Neid und Hass auf Reiche als Motiv bescheinigt.

Eine polizeiinterne Untersuchungskommission kam nach dem Urteil gegen Mario K. zu dem Schluss, dass es innerhalb der Soko schwere Mängel, erhebliche Defizite in der Personalführung und der Zusammenarbeit gegeben hat. Ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss, wie ihn die Opposition im Landtag gefordert hat, kam nicht zustande. Der damalige Polizeipräsident, den man eine Nähe zu dem Entführungsopfer nachsagte, hat längst einen neuen Posten – im Umweltministerium.

Personelle Konsequenzen müssen nur die drei kritischen Beamte fürchten, die die Polizeipannen zur Sprache brachten. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt (Oder) – jene Behörde, die die Ermittlungen im Maskenmann-Fall leitete – hat Ermittlungsverfahren wegen uneidlicher Falschaussage eingeleitet. Sie wurden nach Kritik an die Behörde in Cottbus abgegeben. „Ich kann nicht erkennen, dass die Beamten verwerflich gehandelt haben. Sie müssen rehabilitiert werden“, sagt Björn Lakenmacher. Sie hätten Selbstverständliches eingefordert: eine objektive und keine einseitige Ermittlung. Denn das wäre Inquisition.“

Das Verfahren gegen Mario K. liegt nun beim 5. Strafsenat des BGH in Leipzig. Es werden bis zu einer Entscheidung wohl noch Wochen vergehen. Mehr als 400 Seiten lang ist die Revisionsbegründung der Verteidiger. Dabei geht es nicht um die Ermittlungsarbeit der Polizei, sondern um Verfahrensrügen, etwa die Ablehnung von Beweisanträgen, die Mario K. nach Ansicht der Verteidiger entlastet hätten, oder aber denklogische Fehler. „Ich gehe noch immer davon aus, dass mein Mandant unschuldig ist“, sagt Anwalt Axel Weimann. Ein solches Urteil, wie in Frankfurt (Oder) gesprochen, hätte niemals zustande kommen dürfen.