Sitzt der Falsche als mutmaßlicher Maskenmann auf der Anklagebank im Landgericht in Frankfurt (Oder)? Immer mehr Indizien weisen darauf hin. Dabei sollten gerade Indizien den 47-jährigen Mario K. in dem Verfahren um die brutalen Überfälle auf zwei vermögende Berliner Familie überführen. Denn den klassischen Beweis gegen Mario K. gibt es nicht. Und bisher kam in dem seit Mai vergangenen Jahres laufenden Prozess eine Polizeipanne nach der anderen zutage.

Am Donnerstag hat nun ein orthopädischer Gutachter die Zweifel an der Täterschaft des gelernten Dachdeckers weiter genährt. Der Berliner Sachverständige Bodo Paul sollte erklären, ob der am Knie verletzte Mario K. springen, schnell laufen und sich vor allem behände durch ein Sumpfgebiet bewegen könne. In dem Gebiet war der im Oktober 2012 aus seinem Haus am Storkower See verschleppte Investmentbanker Stefan T. nach eigenen Angaben von seinem Entführer abgelegt worden. Lautlos und schnell habe sich der Täter in dem Sumpfgebiet fortbewegt, hatte Stefan T. ausgesagt. Der Entführer wollte offenbar eine Millionensumme erpressen.

Bodo Paul schloss aus, dass der Angeklagte durch den unübersichtlichen Sumpf am Storkower See hätte laufen können. Der mehrfach Vorbestrafte hat vor Jahren nach einer Schussverletzung eine Arthrose im rechten Knie erlitten, er kann das Bein nicht mehr als 90 Grad beugen. Danach blockiert das Knie. Mit seiner Aussage schloss der Orthopäde praktisch aus, dass Mario K. der Entführer gewesen sein kann. „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit kann er nicht durch diesen Urwald laufen“, sagte der Professor, nachdem er ein Video von dem Sumpfgebiet und einen Polizisten gesehen hatte, der sich durch das Areal schleppt. Jeder, der durch diesen Morast mit den tiefen Wasserlöchern, den Büschen und umgestürzten Bäume klettere, müsse das Bein stärker als 90 Grad beugen, sagte Paul. Der Angeklagte könne mit seiner Erkrankung jedoch sehr wohl eine Böschung hinaufklettern oder auf einem Dach sicher stehen. Er kompensiere die Verletzung mit der Muskelkraft seiner Oberschenkel und könne durch seine gute körperliche Konstitution seinen Alltag fast schmerzfrei bewältigen.

Weitere Untersuchung?

Auf Nachfrage der Nebenklagevertreter, wie es denn sein könne, dass der zuletzt im Wald lebende Angeklagte mehr als 100 Kilometer am Tag Fahrradfahren konnte – Mario K. war dabei von der Polizei observiert worden – antwortete Paul: „Das ist kein Problem, weil dadurch das Bein nicht mehr als 90 Grad gebeugt wird.“ Fahrradfahren, Treppensteigen, Autofahren und Spazierengehen seien für Mario K. möglich. Um zu klären, ob er springen oder schnell laufen könne, empfahl Paul, einen Neurologen hinzuzuziehen, der den krankhaften Zustand eines Wadenmuskels messen und die Fragen eindeutiger beantworten könne. Dem stimmte auch der Angeklagte zu.

Mario K. hatte schon zu Beginn des Prozesses beteuert, unschuldig zu sein. Klar ist bisher, dass sich die Ermittlungen sehr schnell auf den 47-Jährigen fokussiert hatten, dass andere Spuren durch die Fahnder der Sonderkommission nicht weiterverfolgt wurden. Klar ist auch, dass Kriminalisten kritische Fragen an den entführten Stefan T. nicht stellen durften. Sie hatten Zweifel an den Angaben des Mannes und den Verdacht geäußert, die Entführung könnte vorgetäuscht sein.

Stefan T. hatte angegeben, er sei aus seinem Haus verschleppt und an einem Kanu hängend über lange Zeit durch das kalte Wasser des Storkower Sees bis zu dem Sumpfgebiet gebracht worden. Dort sei er gefesselt worden. Er konnte sich nach eigenen Angaben nach 33 Stunden selbst befreien und im Dunkeln aus dem Sumpf entkommen. Das alles hatte er ohne einen Kratzer überstanden. Dass das unmöglich ist, hatte ein Gerichtsmediziner in dem Prozess bereits geurteilt.