Hartmannsdorf - Der Junge auf dem Foto lacht keck in die Kamera. Margarete Holpert streicht sanft über das Bild. „Das ist mein Bruder“, sagt die 85-Jährige mit leiser Stimme. Kurt sei ein fröhlicher Junge gewesen. Er habe immer gesungen, wenn er aus der Schule gekommen sei. Daran kann sich Margarete Holpert noch genau erinnern. Dabei ist ihr Bruder schon 70 Jahre tot.

Margarete Holpert sitzt im Wohnzimmer ihres Hauses in Hartmannsdorf, einem kleinen Ort bei Spreenhagen (Oder-Spree), und zeigt alte Fotos. Bilder von ihren Eltern und ihrem Bruder Kurt. Der Junge war erst zwölf, als er in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges erschossen wurde. Er und 15 andere Dorfbewohner aus Hartmannsdorf (Oder-Spree) gerieten auf tragische und grausame Weise zwischen die Fronten, sie fielen einem bisher wenig bekannten Massaker zum Opfer. „Diese Tat darf nicht vergessen werden, denn sie zeigt, wie furchtbar Krieg ist“, sagt Margarete Holpert.

Die Geschichte beginnt am 21. April 1945. Zu diesem Zeitpunkt am Ende des Krieges waren viele Hartmannsdorfer bereits geflohen, manche hielten sich in den Kellern ihrer Häuser oder den angrenzenden Wäldern versteckt. So auch Margarete Holpert, die damals 15 Jahre alt war und noch Krüger hieß. Gemeinsam mit ihrem Vater, dem Bürgermeister Frit z Krüger, ihrer Mutter Marie Krüger und ihrem Bruder Kurt war sie in einer Försterei untergekommen. „Wir hatten Angst vor dem Beschuss“, sagt Margarete Holpert.

An jenem 21. April traute sich Bürgermeister Krüger wieder ins Dorf. Die SS-Einheiten waren abgezogen. Da traf ein Vorauskommando der Roten Armee im Ort ein. Ein Kommandeur verkündete dem Bürgermeister, dass Hartmannsdorf demnächst eingenommen werden würde und die Leute weiße Laken aus den Fenstern hängen sollten. Für Fritz Krüger war der Krieg zu Ende. „Der Bürgermeister klopfte an Türen und forderte die Leute auf, weiße Tücher aus den Fenstern zu hängen“, sagt Angela Kiefer-Hofmann, die sich lange Zeit mit dem Massaker von Hartmannsdorf befasst, Archive besucht, Zeitzeugen befragt und über die letzten Kriegsereignisse in der Region Bücher geschrieben hat. Die Nachricht von der bevorstehenden Einnahme des Ortes verbreitete sich in Windeseile.

Verrat ist nicht belegbar

Auch Fritz Krüger, seine Frau und sein Sohn Kurt kehrten ins Dorf zurück. Tochter Margarete blieb bei einer alten Frau, deren Mann noch im letzten Moment zum Volkssturm eingezogen worden war. „Die Tragik war, dass nicht die sowjetischen Soldaten kamen. In Hartmanndorf flatterten weiße Fahnen, und die SS kehrte zurück“, sagt die Autorin Kiefer-Hofmann. Im Dorf erzählte man sich später, dass die Bewohner bei der bereits abrückenden SS verraten worden seien. „Belegen kann man das bis heute nicht.“

Damals gab es den sogenannten Flaggenbefehl. Darin hatte SS-Chef Heinrich Himmler Anfang April 1945 angeordnet, in jedem Haus mit weißer Fahne die männlichen Bewohner zu erschießen. Doch die SS erschoss und erschlug in Hartmannsdorf jeden, den sie antraf. Frauen, Kinder, alte Männer. Auch Margarete Holperts Mutter und ihr Bruder Kurt, die sich im Keller einer Nachbarsfamilie befanden, wurden erschossen. Ihr Vater Fritz Krüger befand sich zu diesem Zeitpunkt hinter einer Scheune bei seinem Pferdefuhrwerk mit dem Besitz der Familie. Er blieb unverletzt.

„Ich weiß noch, dass mein Vater mich im Morgengrauen aus dem Bett holte. Ich sollte schnell machen, Mutter und Kurtchen seien tot“, erzählt Margarete Holpert. Sie habe damals gar nicht lange über den Verlust nachdenken können. Zwei Tage hielten sich Vater und Tochter in einem Erdloch im Wald versteckt. Immer in Angst, erschossen zu werden. Erst am 25. April wurde Hartmannsdorf von der Roten Armee besetzt.

Dabei gab es für die Überlebenden noch einen erschreckenden Moment: Sie wurden von Sowjetsoldaten zusammengetrieben. Margarete Holpert erzählt, wie sie ihren Vater gefragt hat, was nun geschehe. „Du brauchst keine Angst zu haben“, habe ihr Vater gesagt. Man höre den Schuss gar nicht und falle tot um. „Dann kamen Offiziere und schickten uns weg“, sagt Margarete Holpert. Im Dorf wurden die Toten des SS-Massakers in Zeltplanen gerollt und in einem Massengrab beerdigt.

Schuldige wurden nie gesucht

Ein Gedenkstein steht heute am Massengrab, in dem auch Marie Krüger und Sohn Kurt liegen. An das letzte Bild von den beiden entsinnt sich Margarete Holpert noch genau: „Ich sehe noch vor mir, wie meine Mutter meinem Bruder den Arm um die Schulter legt und zum Dorf geht. Mein Vater läuft nebenher und schiebt sein Fahrrad.“

Die Autorin Angela Kiefer-Hofmann hat nur durch Zufall von dem Massaker von Hartmannsdorf erfahren. Von alten Leuten aus der Nachbargemeinde Markgrafpieske. Zwei Jahre recherchierte sie für ihr Buch. Nicht alle, die das Verbrechen miterlebt haben, wollten reden. Margarete Holpert, die Tochter des damaligen Bürgermeisters, sei ein Glücksfall gewesen, sagt sie.

Angela Kiefer-Hofmann erzählt, dass die SS vor Kriegsende möglicherweise eineinhalb Jahre lang in dem Ort einquartiert war. Man könne heute nicht mehr sagen, welche SS-Männer die Bluttat begangen hätten. Die Biografien der 16 Opfer hat sie recherchiert. „Über die Mörder gibt es nichts“, sagt sie. Es habe auch nach dem Krieg keine Ermittlungen gegeben, kein Schuldiger sei gesucht worden.