Massenprügelei Hertha- gegen Eintracht-Fans: Polizei bringt festgenommene Hooligans ins Wirtshaus

Statt Freiheitsentzug gab es für Frankfurter Hooligans Bier und Würstchen – und das auch noch direkt neben dem Olympiastadion. Bei einer Massenprügelei zwischen Hertha-Anhängern und Fans der Eintracht Frankfurt hatte es am Sonnabend in  Moabit sechs Verletzte gegeben. Die Polizei brachte die festgenommenen Schläger aus Frankfurt in einer   Gaststätte unter, in der sie sich das Abendspiel der Bundesliga live auf einer großen Leinwand anschauten.

Rund 200 Frankfurter hatten gegen 13 Uhr etwa 50 Hertha-Fans an der Beusselstraße angegriffen. Die rabiaten  Hessen wollten ein Lokal stürmen, von dem sie wussten, dass sich dort  Hertha-Fans treffen würden.  Die Situation eskalierte, beide Fanlager gingen mit Schlagwerkzeugen wie Knüppeln aufeinander los. Auch Steine flogen.  Die Polizei nahm  96 mutmaßliche Randalierer fest, darunter 73 aus Frankfurt. 

Doch statt einer Fahrt in eine Gefangensammelstelle ging es für die Schläger und Randalierer ins Preußische Landwirtshaus an der Flatowallee, nur 400 Meter vom Olympiastadion entfernt.

Ein Richter hatte entschieden, dass Unterbindungsgewahrsam für die gewaltbereiten Fans „unverhältnismäßig“ sei. „Das hat mich auch verwundert“, sagt selbst Polizeipräsident Klaus Kandt.

Kneipe wird Hochsicherheitszone

Mindestens so überrascht wurde Benjamin Renger, Inhaber des Preußischen Landwirtshaus an der Flatowallee. „Ich wurde von der Polizei am Nachmittag gefragt, ob es für das Spiel Hertha–Frankfurt möglich wäre, die Frankfurter bei uns unterzubringen. Ich stimmte zu“, erklärte der 35-Jährige. Einen richterlicher Beschluss oder andere Schreiben wurden ihm nicht vorgelegt.

Was folgte, war ein Polizeieinsatz, der von der Justiz vorgegeben wurde. Die Kneipe wurde zur Hochsicherheitszone, Polizisten passten stundenlang auf die gewaltbereiten Gäste auf, während diese im Warmen auf der Leinwand die 0:2-Niederlage ihrer Eintracht  schauten. Auf diese Weise  sollte ein erneutes Aufeinandertreffen der verfeindeten Fanlager verhindert werden. „Zumindest waren sie nicht  mehr aggressiv“, meinte Renger. Aber wirklich viel verzehrt haben sie nicht. „Viele waren sogar nüchtern, was mich wunderte“, so der Wirt.

Warum abetr wurden die Frankfurter Rabauken überhaupt nach  Westend gekarrt, mehrere Kilometer von der Schlägerei entfernt? Was  absurd klingt, ist sogar nachvollziehbar. Rund ums Olympiastadion hatte die Polizei die richtigen Kräfte parat, um auch mit solchen Herausforderungen fertig zu werden.

Für Kneipier  Renger blieb es eine geschäftliche Katastrophe – und  für  Hunderte Hertha-Fans eine herbe Enttäuschung. „Nach dem Sieg hätten Scharen der Hertha-Fans hier gefeiert. Aber die durften nicht her. Die Polizei kann da nichts dafür, sie haben nur ihren Job gemacht“, sagte Renger. Das hatte zur Folge, dass statt 700 Kunden  nur rund  70 Hooligans dort saßen. „Der Verlust ist enorm. Das sind die Abende, die wir brauchen. Und dann hatte ich auch noch viel zu viel Personal eingeteilt, weil wir andere Erwartungen an den Abend hatten“, klagt der 35-Jährige, der das Geschäft  in der dritten Generation führt. 

„Entscheidung war unverantwortlich“

Renger und seine Mitarbeiter standen mit Bouletten- und Wurst an den Grills, doch die Polizeiabsperrungen wurde für zur undurchdringlichen Mauer. „Wir haben sogar versucht, den  Hertha-Fans mit Essen entgegenzukommen. Aber es war zu aufwendig“, sagte Renger.  Um halb zwölf, mehr als zwei Stunden nach dem Spiel, fragte ein Polizist den Inhaber, warum er nicht von seinem Hausrecht Gebrauch mache.  Renger: „Das hätte ich gerne schon Stunden vorher getan.“

Auch für die Polizeiführung ist der Einsatz noch nicht abschließend geklärt. „Wir werden  noch einmal das Gespräch mit der Justiz suchen und auswerten, wie die Abläufe waren“, sagt Kandt.

Burkard Dregger und Sven Rissmann von der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus kritisieren die Entscheidung des Richters, die Gewalttäter nicht in Gewahrsam zu nehmen: „Dadurch war die Polizei gezwungen, sie noch vor Ende des Spiels wieder auf freien Fuß zu setzen. Die gerichtliche Entscheidung war unverantwortlich und hat weitere Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung erzeugt.“ Von den Hooligans seien nicht nur schwere Körperverletzungen und Sachbeschädigungen ausgegangen, sondern auch Landfriedensbruch und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, erklärten die beiden Oppositionspolitiker gestern.

Laut Allgemeinem Sicherheits- und Ordnungsgesetz (ASOG) können Personen vorbeugend in Gewahrsam genommen werden, „um die unmittelbar bevorstehende Begehung oder Fortsetzung einer Ordnungswidrigkeit von erheblicher Bedeutung für die Allgemeinheit oder einer Straftat zu verhindern“.

2014 hatte das Abgeordnetenhaus eine Novelle des ASOG beschlossen  und die Möglichkeit einer Ingewahrsamnahme potenzieller Störer bei Großlagen wie am 1. Mai oder  Sportveranstaltungen von 48 Stunden auf vier Tage zu verlängern. Der Senat  plant nun, den möglichen Gewahrsam wieder auf maximal 48 Stunden zu verkürzen.