Berlin - Erstmals hat nun auch ein hiesiger Lehrerverband die diesjährigen Mathe-Abituraufgaben als zu schwer kritisiert. „Die Aufgaben waren zu umfangreich, zu unterrichtsfremd und an manchen Stellen ungeschickt formuliert“, sagte Hartmut Stäker, der Präsident des Brandenburger Pädagogenverbandes, am Dienstag der Berliner Zeitung. Bisher hatten lediglich Tausende Schüler in mehreren Online-Petition wegen der schweren Aufgaben vom 3. Mai protestiert und eine Änderung des Notenschlüssels verlangt.

Kritik am Mathe-Abitur - Themen sollen zu wenig behandelt worden sein

Hartmut Stäker muss eigentlich wissen, wovon er spricht: Er ist Mathe- und Physiklehrer und Zweitkorrektor im Abitur. Als Negativbeispiel nennt der Lehrer beispielsweise die Aufgabe 4.2 in der Leistungskurs-Klausur. Dort geht es um Freigetränke und Reservierungen auf einem Ausflugsschiff. Die Aufgabe würde ganz viele Unterfragen in verschiedensten, teils umständlichen Formulierungen beinhalten, kritisiert Hartmut Stäker, dessen Verband zum Deutschen Beamtenbund gehört. Auch tauchten in den Aufgaben Worte wie „Nullhypothese“ oder „Entscheidungsregel“ auf, die vielen Schülern kaum bekannt sein dürften. Er selbst habe für die gleichen Aufgaben siebeneinhalb statt der veranschlagten fünf Stunden gebraucht. Seine Schlussfolgerung: Deutschland müsse sich endlich entscheiden, ob das Abitur den höchsten Abschluss für Allgemeinbildung darstelle – oder bereits die erste Stufe der Spezialbildung.

Ähnlich kritisch blickt die 17-jährige Larissa auf ihre Mathe-Lk-Klausur, die sie am Freitag am Spandauer Lilly-Braun-Gymnasium geschrieben hat, vor allem auf den Analysis-Teil. Es sei eine Logarithmusfunktion zu bearbeiten gewesen, die die Lehrer nur am Rande behandelt hätten. „Und es ist auch total ungewöhnlich, dass zwei binomische Formeln in einer Funktionsgleichung drangekommen sind.“ Erstmals gab es in Berlin wieder einen hilfsmittelfreien Aufgabenteil, in dem die Schüler ohne Taschenrechner oder Formelbuch auskommen mussten. Viel zu lang und untergliedert seien dort die Aufgaben gewesen, sagt die Schülerin. „Ich denke, jetzt habe ich in Mathe einen Ausfall – und das wird vielen so gehen“, sagt die junge Frau, die eine der Online-Petitionen gestartet hat, und fordert: „Der Notenspiegel sollte dem Schwierigkeitsgrad angepasst werden.“

Berliner Bildungsverwaltung sieht noch keinen Handlungsbedarf - Lehrer sind sich nicht einig

Landesschülersprecherin Eileen Hager ist eine von mehreren Tausend Schülern in Berlin und Brandenburg, die die gemeinsame Leistungskurs-Klausur geschrieben haben. „Es war schwerer als erwartet“, sagt auch die Schülerin der Fritz-Reuter-Sekundarschule in Hohenschönhausen. Ihre Mitschüler berichten, dass die zentrale Mathe-Grundkurs-Klausur sogar noch tückischer gewesen sei. Die obersten Schülervertreter führen derzeit eine Umfrage unter Abiturienten durch, wie schwer es wirklich war. „Dann werden wir entscheiden, ob und welche Forderungen wir stellen“, sagte Hager.

Berlins Bildungsverwaltung sieht aktuell keinen Handlungsbedarf. Das Potsdamer Bildungsministerium prüft noch. Andere Fachlehrer halten die Aufgaben für angemessen schwierig. In den vergangenen Jahren kritisierten viele den Trend zu immer leichteren Aufgaben.

Abitur soll vergleichbarer zwischen Bundesländern werden

In die Kritik gerät auch der leichtfertige Gebrauch von Online-Petitionen, mit denen die Schüler bundesweit für Aufsehen sorgen. Allein in Berlin und Brandenburg gab es zunächst mehr als fünf verschiedene Petitionen gegen den angeblich zu hohen Schwierigkeitsgrad.

Zwar verspricht die Kultusministerkonferenz seit Jahren, die Prüfungen in den einzelnen Bundesländern vergleichbarer zu machen. Seit 2017 gibt es einen gemeinsamen Aufgabenpool. Doch die meisten Bundesländer greifen kaum darauf zu.