Köln - Kaum ein Ort macht Geschlechtertrennung so deutlich sichtbar wie die Spielwarenabteilung. Da gibt es die pinken Regale für Mädchen und die blauen Regale für Jungs. Auf der einen Seite werden Zähne gezeigt, die andere Seite glitzert. Ab und zu verirrt sich ein gelber, grüner oder orangefarbener Spielzeugkarton dazwischen, der nicht auf den ersten Blick einer der Regalseiten zuzuordnen ist. Aber Barbie – diese Marke gehörte seit jeher ganz klar in die pinke Ecke.

Das will der Hersteller Mattel jetzt ändern und bringt die erste Barbie auf den Markt, die kein eindeutiges Geschlecht hat. Sie kann sowohl weiblich als auch männlich sein – oder von beidem ein bisschen. Die Puppe selbst ist kindlicher gehalten, das Gesicht ebenso wie der Körper. Im Karton trägt sie eine Kurzhaarfrisur und ist nur mit neutraler weißer Unterwäsche bekleidet. Dafür kommt sie mit jeder Menge geschlechtsneutraler Kleidung wie beispielsweise Jeans, Shorts, Langarmshirt und Sneakern, aber auch mit wenigen eindeutigeren Stücken wie Rock oder Cowboy-Hut.

Barbie mit realistischen Rundungen, Kopftuch und Karriere

Dank gesellschaftlicher Trends wie Diversität, Inklusion und Empowerment von Frauen hat nun auch Mattel diese Themen für sich entdeckt. Schon seit geraumer Zeit versucht der Spielwarenhersteller, sie zu besetzen. Ähnlich wie schon bei Heidi Klums Topmodels ruft dieser Richtungswechsel erstmal Verwunderung hervor. Erst für ein katastrophales Frauenbild werben und dann plötzlich ins Gegenteil umschwenken?

Bei Barbie tut sich aber tatsächlich einiges: Seit drei Jahren gibt es Puppen mit realistischeren Proportionen, vor zwei Jahren kam die erste Barbie mit Kopftuch auf den Markt und im vergangenen Jahr wurden inspirierende Frauen wie Frida Kahlo mit eigenen Puppen geehrt. Heute gibt es Barbies in verschiedenen Hauttönen, im Rollstuhl, mit Beinprothese, als Computerspiel-Entwicklerin oder Roboter-Ingenieurin.

Die Puppen sollen Rollenklischees bei Kindern aufbrechen und Mädchen echte Vorbilder geben. Jedes Kind, das mit einer Barbie spielen will, soll nun eine finden, mit der es sich identifizieren kann. Auch intergeschlechtliche und Transgender-Kinder und alle, die sich nicht klar als Mädchen oder Junge zuordnen lassen. Oder eben Mädchen und Jungen, die keine Lust auf pinke Glitzerkleider haben.

Mattel: PR-Strategie oder wirtschaftliches Interesse?

Die ersten Barbie-Puppen verkaufte Mattel in Deutschland in den Sechziger-Jahren – und aus dieser Zeit stammt auch das Rollenbild, das bei Mattel noch erschreckend lange überlebte. Große Brüste, Wespentaille, lange Beine, blond, weiß, strahlend: Jahrzehntelang propagierte die Marke Barbie mit seinen Modelpuppen ein unrealistisches Frauenbild. Umso mehr erstaunt es, dass der Spielwarenhersteller nun bereit ist, umzudenken. Ist das eine PR-Strategie oder sind es rein wirtschaftliche Interessen in einem Markt, der mehr Genderneutralität verlangt? Beides mag zutreffen, dennoch ist die Entwicklung erfreulich.

Ob die Rechnung aufgehen wird, ist abzuwarten. Zu klären bleibt auch: Hält die Unisex-Barbie Einzug in beide Regale, das pinke und das blaue? Und wird sie sich im blauen verkaufen? Können Jungen wohl mit ihrer Puppe spielen, ohne dass sie blöde Reaktionen ernten? Und ist die Unisex-Barbie nicht wieder eines dieser Spielzeuge, das Eltern überzeugen kann, die genervt sind von all dem pinken Einheitskram – nicht aber die Mädchen, die mitten in der pinken Glitzerphase stecken und sich viel mehr über die Regenbogen-Zauberhaar-Prinzessin freuen würden? Und wann kommen eigentlich die ersten hässlichen Barbies?