Potsdam - Sein spitzbübisches Lachen hat Matthias Platzeck nicht verloren, im Gegenteil. Als der Brandenburger Regierungschef am Montag seine nahe politische Verrentung ankündigt, zieht er die Mundwinkel immer wieder nach oben und die Augen dabei leicht zusammen. Oder sie werden gezogen, unwillkürlich; wer weiß das schon bei einem Mann, der seit 23 Jahren öffentliche Ämter bekleidet und dennoch, zumindest bei seinen zahlreichen Anhängern, als Muster für Authentizität gilt, für Offenheit und Geradlinigkeit in der Politik.
Platzeck jedenfalls feixt, als habe er gerade die beste aller Nachrichten zu überbringen. Doch was er den Gremien seiner SPD am späten Nachmittag zu sagen hat, bedeutet einen tiefen Einschnitt – für das Land, für die Region um Berlin und auch darüber hinaus. Und nicht zuletzt für ihn persönlich. Die Entscheidung, als Ministerpräsident aufzuhören, sei ihm schwer gefallen, bekennt er. Und vermittelt dabei doch den Eindruck, als sei das, was nun kommt, eigentlich ganz leicht: der Stabwechsel in der Staatskanzlei, die Abgabe des Parteivorsitzes im Land, der Rückzug auch aus dem Flughafen-Aufsichtsrat. Vernünftig nennt es Platzeck und wohl durchdacht.

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So ist er immer aufgetreten, so hat er Menschen überzeugt und Wahlen gewonnen. Es ist das Erfolgsrezept des Politikers Platzeck: Das Schwierige leicht und folgerichtig erscheinen lassen, die Skeptischen beruhigen und die Ängstlichen besänftigen. Im vorigen Jahr stand der Enkel eines evangelischen Pfarrers erstmals auf einer Kanzel und hielt eine Predigt, vor Taubblinden in der Oberlin-Kirche seines Wohnorts Potsdam-Babelsberg. „Wir werden innerlich barrierefrei“ – so hat Platzeck damals begründet, warum er die gesellschaftliche Integration von Behinderten für wichtig hält. Am Tag seiner Rücktrittsankündigung wirkt er gelöst und heiter, als habe er selbst alle Hürden, innen wie außen, überwunden.

Es ging ihm um sauberes Wasser, bessere Luft

Genau genommen war diese Art, Probleme anzupacken und sie gleichzeitig so klein wie möglich zu machen, sogar der Ursprung des Politikers Platzeck. In der DDR engagierte er sich spät, aber im richtigen Moment. Eineinhalb Jahre vor dem Mauerfall zählte er zu den Mitbegründern und Aktivisten einer „Arbeitsgemeinschaft für Umweltschutz und Stadtgestaltung“ in seiner Heimatstadt Potsdam. Dem gelernten Ingenieur für biomedizinische Kybernetik ging es um praktische Dinge wie sauberes Wasser, bessere Luft und die Sanierung alter Häuser, nicht um die Systemfrage. Genau dazu aber wurde im späten SED-Barock jede Eigeninitiative.

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Also versuchte der damals noch vollbärtige Platzeck, das System mit eigenen Mitteln auszutricksen. Carola Stabe, eine Mitstreiterin aus jener Zeit, ist noch immer voller Bewunderung, wenn sie erzählt: Die Gruppe in Potsdam wollte im April 1989 ein DDR-weites Treffen von Umweltschützern organisieren, ohne die Behörden zu provozieren. Platzeck und Stabe fuhren deshalb zum Zentralkomitee der SED, um eine Genehmigung einzuholen. An der Pforte nach seinem Parteiausweis gefragt, bekannte Platzeck: Wir haben keinen.

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Dennoch gelang es ihm, vom Besucherraum aus mit dem zuständigen ZK-Mitglied Ursula Ragwitz zu telefonieren. Die Genossin hörte zum ersten Mal von den Plänen für ein Umwelttreffen in Potsdam. „Wenn die ganz oben nichts von einem Verbot wissen, ist es nicht verboten“, folgerte Platzeck nach Stabes Erinnerung. Er beschaffte unter der Hand noch Geschirr für 150 Leute und einen Grill, dann konnte das Treffen stattfinden. Wenige Monate später saß Platzeck am Runden Tisch und dann im Kabinett Hans Modrows – der Grundstein für eine steile Karriere war gelegt.

Bemerkenswert ist, dass Platzeck seinen Aufstieg lange ohne enge Parteibindung betrieb. Anfangs ein Grüner, trat er erst 1995 der SPD bei. Damals war er parteiloser Umweltminister und Manfred Stolpe, der Übervater aller Brandenburger und erst recht der Sozialdemokraten im Lande, regierte mit absoluter SPD-Mehrheit. Schon in jenen Jahren aber, erinnern sich einige Genossen, mischte der Neu-Sozi mit im stillen Kampf um die künftige Macht. Im Nachhinein gibt es daran nur wenig Kritik, aber es gibt sie: Kalt berechnend sei Platzeck, sagt ein früherer Konkurrent, der sich ausgebootet fühlte.

Platzecks Stunde kam mit dem Hochwasser an der Oder 1997. In höchster Not gelang es ihm, den von Flut bedrohten Menschen nichts zu versprechen und ihnen trotzdem Mut zu machen. „Wenn der Deich hält – es wäre ein Wunder“, sagte der Umweltminister und bezifferte die Chancen dafür auf zehn Prozent. Falls es schiefgehen sollte, so war es vereinbart, würde er mit Stolpe zusammen den Kopf hinhalten. Aber das Wunder stellte sich ein, und Platzeck war fortan nicht nur Deichgraf, sondern auch Kronprinz. 2002 löste er Stolpe ab.

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Seine unaufgeregte, klare Kommunikation gerade in Krisensituationen brachte die SPD dazu, Platzeck zu ihrem Bundesvorsitzenden zu wählen, nur zehn Jahre nach seinem Parteieintritt. Doch die internen Widerstände und erste gesundheitliche Probleme zwangen ihn zum Aufgeben. Nur fünf Monate nach seiner Wahl legte er den Parteivorsitz nieder; vorausgegangen waren zwei Hörstürze, ein Kreislaufkollaps und interne Klagen über niederträchtige Genossen, die einem Ostdeutschen die Führung der SPD weder zutrauten noch gönnten.
Eine Beziehung immerhin vertiefte sich in dieser schwierigen Zeit: die zwischen Matthias Platzeck und Angela Merkel. Doch schon zuvor waren sie sich nah gewesen, ungeachtet aller politischen Differenzen. Beide sehen sich als pragmatische Politiker, die Probleme lösen wollen und keine Utopien verwirklichen oder gar Parteiprogramme umsetzen. Nicht nur ihre DDR-Vergangenheit verbindet sie, auch der berufliche Werdegang – erst mal was Ordentliches lernen, sie Physik und er Ingenieur. In die Politik gerieten beide eher durch Zufall, aber es passte. Wie Merkel hat auch Platzeck manche Anfeindung erlebt, die er auf die ostdeutsche Herkunft zurückführte, was die CDU-Chefin und Kanzlerin stets vermieden hat.

Das „Ganz oder gar nicht“ des Pflichtmenschen

Noch bei der Flut in vergangenen Juni wurde deutlich, wie gut das einstige Hoffnungspaar der deutschen Politik harmoniert und ankommt bei den Leuten. Gemeinsam mit Angela Merkel besuchte Matthias Platzeck die durchweichten Deiche an der Elbe und berichtete hinterher, was die Prignitzer gesagt hätten. „Euch beide wollen wir behalten“, den SPD-Ministerpräsidenten und die CDU-Kanzlerin, beide vor wichtigen Wahlen und eigentlich politische Gegner.

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Aber Parteizugehörigkeit stand für Platzeck nie an erster Stelle. Das hat ihm den Koalitionswechsel von der CDU zur Linkspartei vor vier Jahren erleichtert. Merkel zählte denn auch zu den Ersten, die der Ministerpräsident von seinem Rücktrittsentschluss unterrichtete, noch vor den Gremien der eigenen Partei und der Öffentlichkeit. Am Montagmorgen rief er die Bundeskanzlerin in ihrem Urlaubsdomizil an, damit sie die Nachricht nicht aus dem Fernsehen erfahren möge.
Bei aller Leichtigkeit, ja Erleichterung, die Platzeck an diesem Montag zeigt: Die vergangenen Wochen , Monate müssen eine Qual gewesen sein. Seit dem Frühjahr plagten ihn diverse Krankheiten, über die er öffentlich teils Widersprüchliches mitteilte. Mitte Juni hieß es aus der Staatskanzlei zunächst, der Kreislauf bereite wieder Probleme. Erst mit einer Woche Verzögerung gab der Regierungschef zu, dass er einen leichten Schlaganfall erlitten hatte.

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Während des folgenden Urlaubs beriet sich Platzeck mit seiner zweiten Frau Jeanette Jesorka, seinen Töchtern aus erster Ehe, mit engen Freunden und einigen Parteifreunden. Er tat, was er als Ministerpräsident öffentlich am meisten liebte, nur diesmal streng vertraulich: über Land reisen und reden. In Thüringen und Sachsen traf er alte Bekannte, an der Ostsee spannte er einige Tage aus. Und die ganze Zeit über bemühte er sich durch Sport und Spaziergänge, seinen Körper wieder voll in den Griff zu bekommen. Die Amtsgeschäfte überließ er den Sommer über, zum ersten Mal seit Langem, seinen Statthaltern in der Staatskanzlei.

Aber auch ein so disziplinierter Mensch wie Platzeck, der schon einige Gänge zurückgeschaltet hat und weder raucht noch sonst exzessiv lebt, muss manchmal die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit anerkennen. Schon Ende Juni hatte er sein preußisches Pflichtgefühl umrissen: Ein Amt müsse man voll ausfüllen, ohne Wenn und Aber. Seine bisher schwerste Entscheidung sei es daher gewesen, den SPD-Vorsitz aufzugeben, hat Platzeck mal gesagt. Wenn aber die Kraft fehle, fügte er vor seinem Urlaub und dem folgenschweren Entschluss hinzu, sei es besser, die Aufgabe anderen zu überlassen. Es ist das „Ganz oder gar nicht“ eines Pflichtmenschen, der gelernt hat, mit persönlichen Niederlagen und Unzulänglichkeiten zu leben.
Für Brandenburg und die dort seit 1990 ununterbrochen regierende SPD endet damit eine Ära, zum zweiten Mal nach Stolpe. Der eher väterliche Kirchenmann führte das Land fast zwölf Jahre lang. Diesen Rekord hätte Platzeck gerne gebrochen, in knapp einem Jahr wäre es so weit gewesen. Zum Landesvater wie Stolpe ist er nie wirklich geworden. Als Menschenversteher aber hat er die Herrschaft für die SPD gesichert, die sonst in Ostdeutschland mehr Tiefen als Höhen erlebt hat. In Brandenburg steht sie, trotz aller Probleme, so stabil da, dass sie die Landtagswahl im Herbst 2014 trotz der nun anstehenden Personalrochaden kaum fürchten muss. Offener als bisher ist allenfalls, ob sie mit der Linken oder wieder mit der CDU als Juniorpartner regiert.
Für Platzeck ist der Rücktritt noch aus einem anderen Grund eine Erleichterung: Der Peinlichkeit, womöglich wegen des Flughafens BER sein Amt einzubüßen, entgeht er. „Entweder dieses Ding fliegt oder ich fliege“, hatte er in der größten Not zu Jahresbeginn versprochen. Nun geht er zwar unfreiwillig und vorzeitig, aber doch aus eigenem Entschluss, bevor das erste Flugzeug von der neuen Startbahn abheben konnte. Ein bisschen Glück gehört eben dazu in der Politik, auch beim Abtreten.