Berlin - Monatelang hat der Senat geplant, zehn Millionen Euro steckt er in die Feierlichkeiten zum Mauerfall, mehr als 200 Veranstaltungen wird es in dieser Woche geben. Bei Touristen scheint das Konzept aufzugehen: Die Tourismuszentrale erwartet am Wochenende mehr als eine Million Besucher. Was aber ist mit den Berlinern selbst – für die das Fest ja gedacht ist? Zieht es sie an den  Alex und ans Brandenburger Tor? Wie feiern sie? Eine Spurensuche in Ost- und West-Berlin.

In der Hellen Mitte in Hellersdorf sitzt an diesem Vormittag Dieter Riechers auf einer Bank im Ärztehaus und wartet auf seine Frau. Er findet es traurig, „dass es nach 30 Jahren Ost und West immer noch gibt“. Den 80-Jährigen interessieren die  Feierlichkeiten gar nicht. Wenn es nach ihm ginge, „dürfte da überhaupt keiner hingehen“.

Im Osten will man die Geschichte lieber ruhen lassen

Zu viel sei schiefgelaufen in den 30 Jahren gesamtdeutschen Zusammenlebens. Noch immer  lasse sich  im Osten zu wenig Geld verdienen,  sagt der  frühere Laborbeschäftigte bei Elektrokohle in Lichtenberg. Dabei habe es in der DDR so viele gut ausgebildete junge Menschen gegeben, die danach keine Chance gehabt hätten. „Wenn die Verdienstmöglichkeiten besser werden, gehen wir auch wieder wählen.“

Es gab eine Zeit, da war auch Ricarda Börner das Deutsch-Deutsche wichtig. Doch das sei lange her, erzählt die Gas-Wasser-Installateurin, die vor 36 Jahren in Samswegen in der Börde geboren wurde. Am 9. November sei der halbe Ort bei einem Fackelumzug dabei gewesen, „danach fuhren alle nach Berlin, das Begrüßungsgeld abholen“. Tatsächlich habe sie als Kind erstmals wirklich wahrgenommen, dass sich etwas geändert hatte, „als beim Fleischer plötzlich nur noch Abgepacktes verkauft wurde“, erinnert sie sich. Heute hält sie das vereinigte Deutschland für „ganz normal“. Die aktuellen Feierlichkeiten sieht sie kritisch: „Wenn man’s feiert, holt man’s wieder hervor. Das muss nicht sein“, sagt die Hellersdorferin.

Bei Dominique Winkler hat es eher praktische Gründe, dass sie nicht bei den Feierlichkeiten dabei sein wird. „Ich muss zwei kleine Kinder hüten, mein Mann ist auf Dienstreise“, erzählt die 29-Jährige aus Pankow, die gerade auf dem Sprung zu einem Seminar in der Alice-Salomon-Hochschule für  Soziale Arbeit, Gesundheit und Erziehung sowie Bildung ist. Als Nachgeborene habe sie sich viel von den Eltern und Großeltern erzählen lassen. „Ich finde es immer wieder interessant“, sagt sie. Das sei ein bisschen wie Geschichtsunterricht: „Die Antike lernt man auch in der Schule.“

Syrer und Kurden in Neukölln feiern die deutsche Freiheit

Zurückhaltung und Skepsis im Osten also. Ganz anders sieht das im Westen aus – vor allem bei denen, die gar nicht aus Deutschland kommen.

„Das ist ein großer Tag“, sagt Shendar Hasan, dem ein Späti am Neuköllner Hermannplatz gehört. Der 32-Jährige ist Kurde, gerade sind seine Freunde in Nordsyrien in Gefahr, weil der türkische Präsident Erdogan Truppen in die Region entsendet hat. Er kann nachvollziehen, was der Mauerfall bedeutete: „Endlich konnten die Menschen ihre Familie wiedersehen, endlich waren sie frei.“ Traditionell feiert Hasan mit der Familie: „Wir essen, trinken, tanzen.“

Auch Rami Shaban hält es so. Der 38-Jährige kommt aus Syrien, wohnt seit vier Jahren in Wedding und arbeitet in Neukölln auf der Sonnenallee bei einem Imbiss für orientalische Spezialitäten. Gerade säbelt er Dönerfleisch vom Spieß. Am Sonnabend wird er mit seiner Frau und Freunden die offizielle Feier besuchen und die große Lasershow am Brandenburger Tor sehen. Deutsche, die diesen Tag nicht feiern, kann der Mann, dessen Heimat zerrüttet ist, nicht verstehen. „Einheit – das ist doch gut, das ist so wichtig.“

In einer Seitenstraße fast am Ende der Sonnenallee, nur 500 Meter von der Mauer und dem ehemaligen Osten entfernt, wirbelt Joanna Fezzolli durch ihr Restaurant, die Trattoria La Terrazza. Die 46-Jährige ist im Stress, auch am Wochenende wird sie nicht feiern können. Ihren vier Kindern aber versucht sie, regelmäßig zu erklären, was der Mauerfall für sie bedeutete, als sie 1991 aus Italien nach Berlin kam: „Freiheit, Öffnung, Europa.“