Zahlreiche Besucher verfolgen das Fest zum Jahrestag des Mauerfalls am Brandenburger Tor.
Foto: Paul Zinken/dpa

Berlin-MitteEs sollte dieses Jahr etwas Neues sein, etwas Kleineres, Dezentrales, Nachdenklicheres – und am Ende war es doch wie immer: Die Bühnenshow am 30. Jahrestag des Mauerfalls am Samstagabend vor dem Brandenburger Tor platzte aus allen Nähten. Tausende Menschen streunten am frühen Abend bei immerhin zunehmend freundlicher werdendem Herbstwetter im großen Bogen um das Brandenburger Tor herum.

Auf der Suche nach einem Eingang zu dem Festgelände, bei dem man nicht mindestens eine Stunde lang an den mit Zäunen bewehrten Kontrollstellen anstehen musste. Die meisten wohl vergeblich. So spielten Dirk Michaelis, Anno Loos, Die Zöllner, Trettmann, Zugezogen Maskulin und die Staatskapelle Berlin zwar vor Zehntausenden, die es irgendwie auf die Fanmeile westlich vom Brandenburger Tor geschafft hat - etliche blieben im wahrsten Sinne des Wortes Zaungäste.

Andrang am Brandenburger Tor enorm

Es kam dann, wie es eigentlich immer kommt, wenn am Brandenburger Tor gefeiert wird: Mehrere Eingänge zum Festgelände mussten nach Angaben der Polizei frühzeitig geschlossen werden, darunter die Zugänge an der Ebertstraße und an der Seite zum Reichstagsgebäude. Der Andrang sei zu groß gewesen - auch wenn auf dem Gelände selbst noch Platz ist. Was dazu führte, dass es an allen anderen Eingängen es nur quälend langsam voran ging.

Am S-Bahnhof Brandenburger Tor gab es bereits vor Beginn der Show Einschränkungen. Auf Anordnung der Bundespolizei waren wegen zu großen Andrangs die Ein- und Ausgänge Wilhelmstraße und Pariser Platz dicht. Die stummelige und von Berlinern ohnehin eigentlich nie genutzte Kanzler-U-Bahn U55 blieb dagegen in Betrieb.

Ob das dezentrale Konzept also aufgegangen war, nach den Großveranstaltungen vor fünf Jahren (Lichterkette auf dem ehemaligen Mauerstreifen in der Innenstadt) oder vor zehn Jahren (Staatsgäste warfen Mauer-Nachbildungen wie Dominosteine um), muss zumindest mit Blick auf den Menschenstau am Brandenburger Tor offen bleiben.

Mehrere Orte zu bespielen, war eine gelungene Idee

Gelungen war die Idee, das Fest der friedlichen Revolution diesmal zu strecken und mehrere Orte zu bespielen, die in der Nacht der Nächte vor 30 Jahren auch nur irgendeine eine Rolle spielten (Motto: 7 Tage – 7 Orte), dennoch in jedem Fall. Ob nun am Alexanderplatz, wo Passanten am Sonnabend ganz entspannt mit ihren Handys die Videoinstallationen filmten, die auf die Behrens-Bauten projeziert wurden; oder im Sony-Center am Potsdamer Platz, wo die Menge zu den Klängen einer Rockband voller alter Männer mit den Knien wippte - die Stadt war bis spät in den Abend auf den Beinen.

Es war Bürgermeister und Kultursenator Klaus Lederer (Linke), der zuvor wie immer eloquent erklärt hatte, warum es diesmal zum 30. eben nicht die eine, große Sause geben sollte. Doch, man wolle schon feiern, sagte Lederer immer wieder, aber eben nicht so unbeschwert wie bei den vorigen runden Jubiläen des Mauerfalls. Zu viel türme sich derzeit auf, um fröhlich auf den gesamtnationalen Pudding hauen zu können: Populismus, Pegida und AfD hierzulande, Trump, der Brexit und der Aufstieg etlicher Autokraten anderswo, so Lederer.

Steinmeier: Demokratie dürfe nicht verhöhnt werden

So ganz ohne große Gesten und die eine oder andere politische Rede sollte es aber auch dieses Mal nicht gehen. So appellierte zur Eröffnung am Brandenburger Tor Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an die Menschen überall im Land, neue Mauern in der Gesellschaft wieder einzureißen. Die Berliner Mauer sei zwar weg. Aber in Deutschland seien „neue Mauern entstanden, Mauern aus Frust, Mauern aus Wut und Hass, Mauern der Sprachlosigkeit und der Entfremdung.“ Jeder Mensch im Land könne dazu beitragen, sie wieder einzureißen. „Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen ausgegrenzt und angegriffen werden“, dass die Demokratie verhöhnt werde.

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) rief dazu auf, die Werte des Friedens, der Freiheit und der Demokratie zu verteidigen. Man müsse damit „Populisten, die Hass und Hetze verbreiten“, entgegen treten. Müller erinnerte zugleich an die Opfer der SED-Diktatur und die Menschen in der früheren DDR, die für ihre Freiheit gekämpft haben. Die friedliche Revolution sei eine unglaubliche Leistung gewesen, die großen Mut erfordert habe. Dasselbe hatte er fast wortgetreu tags zuvor bereits bei einer Feierstunde im Abgeordnetenhaus gesagt. Aber auch durch Wiederholung wird solch eine Aussage ja nicht falsch.

Kurzer Moment der Stille am Brandenburger Tor

Und es gab auch (mindestens) einen starken Moment am Brandenburger Tor: Marianne Birthler, frühere DDR-Bürgerrechtlerin und später Beauftragte für die Stasi-Unterlagen, sorgte für einen kurzen Moment der Stille auf dem Festgelände. Der Schweigemoment sollte dem Gedenken an diejenigen dienen, deren Leben durch die SED-Diktatur zerstört wurde oder die ums Leben kamen. Sie erinnerte an jene, die in sowjetische Straflager kamen, denen eine höhere Schulbildung verwehrt wurde, die von der Stasi überwacht, eingesperrt oder verraten oder an der Grenze getötet wurden. Sie denke aber auch an die, die verraten haben und heute unter dieser Last litten, so Birthler.

Und damit nicht genug: Nur diejenigen hätten das moralische Recht, sich auf die friedliche Revolution vom Herbst 1989 zu berufen, die heute für Offenheit und Freiheit eintreten. „Wer dagegen seinem Hass freien Lauf lässt und andere mit Worten und Taten bedroht, ist nicht besser als die Stasi, die Menschenleben zersetzte und zerstörte“. Was Birthler meinte, war klar: Sie wolle es nicht zulassen, dass die AfD, die friedliche Revolution für sich vereinnahme. Nur zu gut sind noch die Kampagnen zur Brandenburg-Wahl im September vor Augen, als die Rechtspopulisten unter anderem „Vollende die Wende“ plakatierten.

Rosen und Kerzen

Bereits am Vormittag hatten mehrere hundert Menschen bei der zentralen Gedenkfeier der Politik auf dem früheren Todesstreifen an der Bernauer Straße der Mauer-Opfer gedacht. Dabei steckten Bundespräsident Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Blumen in die Hinterlandmauer. Zur Erinnerung an den Mut der DDR-Opposition im Herbst 1989 wurden Kerzen angezündet - Symbole des gewaltlosen Widerstands in der DDR.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (l-r, CDU), Michael Müller (SPD, Regierender Bürgermeister von Berlin, und Franziska Giffey (SPD), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, stecken bei der Gedenkveranstaltung der Stiftung Berliner Mauer an der Bernauer Straße Rosen in die Mauerspalten.
Foto: Kay Nietfeld/dpa

Auch ausländische Gäste wie die Staatspräsidenten der Slowakei, Polens, Tschechiens und Ungarns, Zeitzeugen und Schüler nahmen an den Feierlichkeiten in der zentralen Mauer-Gedenkstätte teil. Steinmeier dankte den Menschen in Tschechien, der Slowakei, in Ungarn und Polen für ihren Beitrag zur Wiedervereinigung. Ohne deren Mut und Freiheitswillen wäre etwa die deutsche Einheit nicht möglich gewesen, sagte er. Anders als in früheren Jahren war kein Staats- oder Regierungschef aus einem der vier Weltkriegs-Alliierten-Staaten angereist.

Bundeskanzlerin Merkel rief bei einer Andacht in der Kapelle der Versöhnung dazu auf, Hass, Rassismus und Antisemitismus entschlossen entgegenzutreten. Der 9. November sei ein Schicksalstag für die Deutschen und vereine mit den Novemberpogromen von 1938 und dem Fall der Mauer 1989 die „fürchterlichsten und glücklichsten Momente in der deutschen Geschichte“, so Merkel. Zugleich forderte die Kanzlerin die Menschen auf, sich nicht entmutigen zu lassen. „Keine Mauer, die Menschen ausgrenzt und Freiheit begrenzt, ist so hoch oder so breit, dass sie nicht doch durchbrochen werden kann.“ (mit dpa)