Man hätte es sich denken können: Dass genau an diesem Ort, an dem die Stadt einst für Jahrzehnte geteilt war, noch unterirdische Reste der jüngsten deutsch-deutschen Geschichte zu finden sind. Hinweise gab es einige, sagen Experten wie der Archäologe und Mauerforscher Torsten Dressler. Jetzt liefert er den praktischen Beweis.

Mit seinem Grabungsteam hat Dressler am Eingang zum Mauerpark einen bedeutenden archäologischen Fund freigelegt, der bisher einmalig in der Geschichte Berlins ist: Einen Fluchttunnel, der einst 80 Meter vom Westen in den Osten führte, Teile eines unterirdischen Meldesystem der DDR-Grenztruppen und Gebäudereste des früheren Nordbahnhofs, an den Berliner Mauer einst reichte. Freigelegt wurde zudem eine etwa 20 Tonnen schwere Betonplatte mit massiven Stahlträgern, die früher aus der Erde ragten und nach dem Mauerbau einen Grenzdurchbruch in den Westteil verhindern sollten.

Die Archäologen sind fündig geworden, weil der Eingang zum Mauerpark derzeit eine Baustelle ist. Die Berliner Wasserbetriebe legen unter dem Park einen unterirdischen Stauraumkanal an. Diesen Kanal fräst eine Tunnelbohrmaschine unter der Erde. Das Gerät wird am Parkeingang unter die Erde gebracht.

Bisher einmalig in Berlin

Berliner Historiker und Archäologen reagierten am Mittwoch begeistert. Die Funde seien „in dieser Komplexität und in ihrem Erhaltungszustand in Berlin bisher einmalig und daher von besonderer Bedeutung“, sagt Karin Wagner, Leiterin für Gartendenkmalpflege und Archäologie beim Landesdenkmalamt Berlin. Manfred Wichmann von der Stiftung Berliner Mauer sagt: „Die Funde zeigen insbesondere, wie die Grenzanlagen die bestehende Stadtstruktur durchschnitten und zerstörten, und wie sich der Grenzstreifen bis 1989 beständig änderte. Hier sind die Schichten der Stadtgeschichte gut zu identifizieren.“ Wichmann sagt auch, die Funde würden die Rigorosität des Grenzstreifens und die enormen Ressourcen verdeutlichen, die in den beständigen Ausbau der Grenzanlagen flossen.

Auch der Archäologe Torsten Dressler ist erfreut, denn solche Funde habe es bisher an keiner anderen Stelle der 160 Kilometer langen Mauer gegeben. „Die Geschichte der deutschen Teilung wird hier auf engstem Raum sichtbar dokumentiert.“ Torsten Dressler beschäftigt sich im Rahmen seiner Dissertation mit der Geschichte der Berliner Mauer, er weiß aus Fachbüchern und Unterlagen der Staatssicherheit von insgesamt vier Fluchttunneln in der Gegend rund um den heutigen Mauerpark. Den ersten hat nun freigelegt.

Tunnelbauer am Fundort

Der 1, 40 Meter breite und 3,70 Meter lange Einstieg auf dem Boden einer früheren Lagerhalle des Nordbahnhofs sollte ins 80 Meter entfernte Wohnhaus an der Oderberger Straße/Ecke Eberswalder Straße reichen. Fluchthelfer hatten ihn von März bis Juni 1963 angelegt, konnten ihn aber nie nutzen. Denn die Sache war aufgeflogen, die Stasi hatte den Tunnel entdeckt, kurz bevor er fertig war. Skizzen in Stasi-Akten belegen das. Und so hat es auch einer der Tunnelbauer, ein heute 73-jähriger Berliner, Dressler vor wenigen Tagen direkt am Fundort erzählt. Das sei ein sehr berührender Moment gewesen, sagt Dressler. Der Fluchttunnel lag damals direkt an der Mauer. Im Zuge eines Gebietsaustausches verschob sich die Sektorengrenze im Jahr 1988 auf einer Länge von 50 Metern weiter in den Westen.

Als den wichtigsten Fund bewerten die Experten die Betonplatte mit eingegossenen Fahrzeugsperren und Zaunpfosten. Offenbar hatte die DDR-Regierung nach dem Mauerbau im August 1961 Grenzdurchbrüche befürchtet. Gleich drei Ost-Berliner Straßen führten zur Mauer, ein dicht besiedeltes Wohnviertel lag in direkter Nähe. „Der Ost-Berliner Alltag stieß unmittelbar an die Grenzanlagen“, sagt Wichmann von Stiftung Berliner Mauer. Er weiß von verschiedenen Fluchtversuchen an dieser Stelle, eine erfolgreiche Flucht gab es etwa im November 1969, die Stiftung hat das dokumentiert.

Die Grabungen enden in diesen Tagen. Die gefundenen Teile des Grenzmeldesystems bekommt die Stiftung Berliner Mauer. Und dann müssen die Pläne für den neu gestalteten Mauerpark überarbeitet werden. Die Panzersperre wird während der Bauzeit für den Stauraumkanal weggeschafft, soll danach aber dauerhaft am Fundort ausgestellt werden.

Zudem könnten der Fluchttunnel und die Gebäudereste samt altem Mauerverlauf als „archäologisches Fenster“ sichtbar bleiben und somit die neue Attraktion des viel besuchten Mauerparks werden, schlagen Denkmalschützer vor. Denn diese Funde seien „für die Geschichtsvermittlung von großem Interesse“, sagt Karin Wagner vom Landesdenkmalamt.