Medhat Aldaabals Zukunft begann mit einem Spaziergang. Drei Monate lebte er da schon in Berlin. Bei einer Erkundung der Gegend rund um seine Flüchtlingsunterkunft am Hackeschen Markt stand er auf einmal vor einem Schild und wollte seinen Augen nicht trauen. „Sasha Waltz & Guests“ stand auf dem Schild. Sasha Waltz, dieser Name war Medhat Aldaabal ein Begriff. In Damaskus, während seines Tanzstudiums, hatte er Videos von Sasha Waltz’ Arbeiten gesehen. Das war vor seiner  einjährigen Flucht, die ihn über die Türkei und Griechenland schließlich nach Berlin geführt hatte. Jetzt stand er vor dem Haus  Sophienstraße 3 und wäre am liebsten hineingestürzt in das Haus und hätte gefleht: „Bitte, lasst mich mittanzen“.  Aber er traute sich nicht.

Medhat Aldabaal muss grinsen, als er sich daran erinnert. Er sitzt im schönen Garten der Eden-Tanzstudios in Pankow. Die Sonne scheint, und er hat seinen Stuhl aus dem Schatten der Bäume heraus auf die Wiese gerückt.

Medhat Aldaabal ist 30 Jahre alt. Er hat ein ernstes Gesicht, das allerdings weich wird und leuchtet, sobald er zu sprechen beginnt. Bis gerade eben haben er, sein Cousin Moufak Aldoabl und Amr Karkout, ein weiterer syrischer Tänzer, gemeinsam mit dem israelischen Choreografen Nir de Volff an einem neuen Stück geprobt.

Anfang August werden sie es im Dock 11 in der Berliner Kastanienallee zeigen. „Come as you are“ heißt es. Es geht um ihre eigenen Geschichten, um die von Medhat, Moufak und Amr. „Wovor hast du am meisten Angst?“ Das  war eine der Fragen, die Nir de Volff den drei Tänzern gestellt hat. „Eine meiner größten Ängste ist es, als Tanzlehrer für Dabke zu enden“, sagt Medhat Aldaabal in dem Stück. Dabke, das ist ein orientalischer Folkloretanz.

„Ich habe mich geschämt“

Dass er so eine Antwort geben kann, hat viel mit den vergangenen eineinhalb Jahren zu tun. Mit all dem, was geschah, seit Aldaabal in der Sophienstraße vor dem Büro von Sasha Waltz & Guests stand. Mit der Mail, die ein Freund auf sein Bitten hin an das Waltz-Büro schrieb. Mit der Einladung zu einer offenen Tänzer-Klasse im Radialsystem, die als Antwort kam. Er hat an diesem offenen Abend  nicht mitgetanzt. Er wurde sehr persönlich empfangen, man hat ihm Tee gebracht, ihn mehrfach angesprochen, ermuntert mitzumachen. Aber er blieb an der Seite sitzen und schaute zu.

„Ich sah all diese Menschen, die sich so großartig, so wunderschön bewegten, und habe mich geschämt“, sagt Medhat Aldaabal. Er hatte das Gefühl, wenn er mittanzt, würde er Schande nicht nur über sich, sondern über den Tanz in Syrien bringen.

Aber kurz darauf kam wieder eine Einladung und auf einmal saß Medhat Aldaabal mit Sasha Waltz, ihrem Mann Jochen Sandig und mehreren Mitarbeitern an einem Tisch. Sasha Waltz & Guests hatten in ihrer Reihe „Zuhören“ Workshops für unbegleitete jugendliche syrische Geflüchtete geplant. Der Workshop war nicht ganz voll geworden. Medhat wurde gefragt, ob er nicht dazu stoßen und vielleicht auch noch Freunde mitbringen wolle. Das war im Februar 2016, es war der Anfang.

Medhat Aldaabal ist kein herausragender Tänzer im klassischen Sinn. Das sagt er selbst von sich. Das Tanzen hat er erst während seiner Highschool-Zeit in seiner Heimatstadt Swaida für sich entdeckt. Zum Tanzstudium in Damaskus wurde er mit 21 Jahren nur zugelassen, weil der Leiter einer Folklore-Gruppe, bei der er tanzte, für ihn eintrat. Leicht hatte er es dort nicht. Egal, in welcher Disziplin man studierte, ob Hip-Hop, Musical oder Folklore, die Basis für alles war Training im klassischen Ballett. „Mein Geist ist flexibel, aber mein Körper, der braucht Zeit, viel Zeit“, sagt er in dem Stück von Nir de Volff.

Tanztraining als Heilung

In Damaskus haben sie ihn damals getriezt, weil er nach zwei Jahren seine Beine nicht viel höher bekam als zu Beginn seines Studiums. Er hat sich gewehrt. „Ich bin Tänzer“, erwiderte er den Lehrern auf ihre Kritik, „aber ich bekomme den falschen Unterricht für meinen Körper.“

In Berlin hat er den Richtigen gefunden. Bei Nir de Volff, der ihm auch kostenloses Training in einem Studio vermittelte und bei Davide Camplani von Sasha Waltz & Guests. Im zeitgenössischen Tanz geht es nicht so sehr um Virtuosität, es geht darum, bei sich selbst, in seinem Körper anzukommen, um Selbstwahrnehmung, darum von innen heraus zu tanzen. Für Medhat Aldaabal und seine syrischen Tänzerfreunde, die mit dem Körper in Berlin, aber mit ihrem Geist noch lange ganz woanders waren, in der Heimat und den Traumata ihrer Flucht, wurde das neue Tanztraining auch zu einem Prozess der Heilung.  Aldaabal hat daraus ein Stück gemacht. Es heißt „Amal“, übersetzt „Hoffnung“, und hatte erst vor wenigen Wochen in den Sophiensälen Premiere.

„Amal“ ist in Zusammenarbeit  mit dem Waltz-Tänzer Davide Camplani entstanden. Es ist ein erschütterndes, anrührendes Stück, von dem man hofft, dass es wieder gezeigt werden wird, in Theatern, und vielleicht auch vor Menschen, die ähnliche Schrecken wie Aldaabal und seine drei syrischen Mittänzer erlebt haben. Die vier sind Freunde, in Damaskus haben sie manchmal in den gleichen Gruppen getanzt. Alle vier haben es in den vergangenen zwei Jahren auf verschiedenen Wegen nach Berlin geschafft.

Was meinst du mit Hoffnung?

Medhat Aldaabal ist ohne Geld unterwegs gewesen, zum Teil allein, zum Teil mit Menschen, die er auf seiner Flucht getroffen hat. Monatelang hing er in Istanbul fest, wo er sich mit schlecht bezahlten Jobs irgendwie über Wasser hielt. In Thessaloniki gab es keine Arbeit für ihn. Er durchsuchte die Abfallkörbe nach Essen, schlief mit ein paar anderen Flüchtlingen heimlich in einer Kirche, in die sie nachts schlichen, wenn niemand dort war. Die Priester hatten ihnen das verboten. Nach vier Monaten schien es nur noch zwei Alternativen zu geben. Zurückgehen und in Syrien im Krieg sterben oder in Thessaloniki am Hunger. „Es ist viel Schlimmes passiert“, sagt Aldaabal, „aber auch viel Gutes.“ Mit Hilfe von in Griechenland ansässigen Syrern gelang ihm schließlich  die Flucht nach Berlin.  

In „Amal“ wird davon erzählt. Nicht mit Worten, sondern in einfachen, geradlinigen Bildern und einem Tanz, der von der Wahrhaftigkeit seiner Darsteller lebt. Das Stück hat etwas von einem Ritual. Vollzogen wird ein Ankommen im Körper, in dem sich all der Schrecken, der in ihm nistet, all die erlebten Geschichten im Tanz nach außen stülpen.  Vergangenes  Jahr, nach dem Workshop im Radialsystem, war Medhat Aldaabal zu Sasha Waltz gegangen, um sie um Hilfe zu bitten. Er wolle ein eigenes Stück machen, über Hoffnung. „Wie, über Hoffnung? Was meinst du mit Hoffnung? Das ist so ein großes Wort“, hatte Sasha Waltz daraufhin gesagt. „Ich meine die Hoffnung, mit der ich es geschafft habe zu überleben“, hat Aldaabal ihr geantwortet.

„Wie soll man das aushalten?“

Sasha Waltz & Guests haben „Amal“ produziert. Im Juni vergangenen  Jahres gab es eine erste Fassung, in diesem Jahr haben sie gemeinsam mit Davide Camplani und dem ebenfalls aus Syrien kommenden Musiker Ali Hasan noch einmal vier Wochen daran gearbeitet. „Im vergangenen Jahr, als wir uns nach der ersten Aufführung verbeugten“, sagt Medhat Aldaabal, „das war der Moment, in dem ich zum ersten Mal wusste, jetzt bin ich Sicherheit.“ In Sicherheit, weil er wusste, dass er leben, dass er eine Zukunft haben, dass er Kunst machen will – und dass er das schaffen wird.

Nicht, dass jetzt alles gut wäre. Seine Familie, die Eltern, die beiden Schwestern und viele andere Verwandte leben nach wie vor in seiner Heimatstadt Swaida südlich  von Damaskus. Es ist keine direkte Kriegsgegend. Aber Not herrscht trotzdem, Hunger vor allem. „Wie soll man all das aushalten?“, fragt Aldaabal. Hier zu sitzen, selbst bei einfachstem Essen, wenn man weiß, dass die Familie zu Hause nichts hat. Dass die Heimat zerstört wird. Als Medhat Aldaabal nach Deutschland kam, sprach er weder englisch noch deutsch. Er hat erst einmal Englisch gelernt, weil man das braucht als Tänzer in Berlin. Seit einer Weile wohnt er am Südstern, in einer WG mit einem französischen Videokünstler, den er im Radialsystem kennen gelernt hat.

Das Wetter, die Stadt, das Essen, die Sprache, die Menschen, wie sie denken und auch wie sie tanzen, alles ist anders. Das zu bewältigen, ist eine Arbeit an der ständigen Überforderung. Erst recht nach den Schrecken der Flucht, die lange nicht aus dem Körper weichen wollten.

Wieder tanzen zu können, das war sein Traum

„Man muss ein Ziel haben, das ist das Wichtigste“, sagt Aldaabal. Kopfüber hat er sich in sein neues Leben hineingestürzt. Er weiß, was er will. Er will tanzen, selbst Stücke machen. Sich ausschließlich über den Tanz zu finanzieren, das schafft er bislang nicht. Es ist ihm auch in Syrien nicht gelungen. Es war nur ein Teil seines Einkommens. Seine Eltern hatten gehofft, dass er studieren und Arzt oder Rechtsanwalt werden würde. Seine Entscheidung für den Tanz konnten sie zunächst nur schwer akzeptieren. „Aber nach dem sie mich das erste Mal auf der Bühne tanzen sahen“, sagt Aldaabal, „verstanden sie, wie viel es mir bedeutet.“ Gefallen hat es ihnen auch. Von dem Moment an waren sie einverstanden und unterstützten ihn, wo immer sie konnten.

In Berlin muss er inzwischen seine Arbeit genau organisieren. Einen Tag nach der Premiere von „Amal“ begannen die Proben für „Come as you are“. Im August wird Medhat Aldaabal nach Weimar fahren. Er wurde angefragt, ob er eventuell dort beim Kunstfest einen Workshop für Dabke, den orientalischen Tanz, geben könne. Aldaabal hat diskutiert. Dabke allein, das fände er nicht spannend. Er würde sehr gerne einen Workshop geben, aber einen, in dem sich die Dinge mischen, in dem die Tanztechniken, die die Teilnehmer mitbringen und Dabke miteinander fusioniert würden. Das fanden sie gut in Weimar und er wurde engagiert. Für ihn ist es nicht nur die Weise, wie er arbeitet, es ist die Weise, wie er lebt. Wieder tanzen zu können, das war sein Ziel und sein Traum, auch in den dunkelsten Stunden in Thessaloniki. Aber darüber, wie er jetzt Wirklichkeit wird, ist er selbst erstaunt.

„Come as you are“ – das Stück,  in dem der Syrer Medhat Aldaabal mittanzt –  ist am 4., 5. und 6. August um 19 Uhr im Dock 11 zu sehen.

Das Tanztheater Dock 11 entwickelte sich seit 1994 in einer früheren Fabrik in Prenzlauer Berg (Kastanienallee 79). Zunächst wurde hier nur Tanz unterrichtet, später kam  Abend-Bühnenprogramm dazu.

Die  Tickets für „Come as you are“ kosten zehn Euro. Karten können telefonisch reserviert werden unter der Rufnummer 030/35 12 03 12.