Neben der East Side Gallery an der Spree ragt weithin sichtbar der 14-geschossige Wohnturm Living Levels empor, daneben entsteht ein 130 Meter langer Hotel- und Wohnriegel des Investors Trockland. Weitere Hochhäuser sind entweder in Bau oder geplant. Dabei dürfte es die Projekte eigentlich gar nicht geben, wenn es nach dem erfolgreichen Bürgerentscheid „Spreeufer für alle“ von 2008 geht.

Am 13. Juli vor zehn Jahren sprach sich im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg eine Mehrheit dafür aus, dass das Spreeufer an der sogenannten Mediaspree auf einer Breite von 50 Metern frei von einer Bebauung bleibt. Neue Hochhäuser sollten zwischen der Stadtbahntrasse sowie der Schlesischen und Köpenicker Straße gar nicht entstehen. Das Problem: Vielen Projekten war vorher Baurecht eingeräumt worden. So ließen sie sich nicht verhindern.

Verfehlte Stadtpolitik kritisiert

„Gerade an der Stadtspree zeigen sich die verheerenden Auswirkungen einer verfehlten Stadtpolitik“, sagt Johannes Riedner von der Initiative „Mediaspree versenken“. Sie hatte den Bürgerentscheid vor zehn Jahren herbeigeführt. „Eine gerechte Partizipation ist nie möglich gewesen“, kritisiert Riedner.

Trotz dieser „bitteren Bilanz“ fordere die Initiative weiterhin einen ungehinderten und barrierefreien Durchgang an den bebauten Spreeufern, begehbare Unterführungen unter den Brücken und ein „möglichst naturbelassenes Ufer“, etwa am Grundstück des Umzugsunternehmens Zapf an der Köpenicker Straße in Kreuzberg.

Sozialwohnungen sind vorgesehen

Immerhin zählt Riedner auch einige Erfolge auf: Das Zeltcamp Teepeeland zwischen Schilling- und Michaelkirchplatz behaupte sich, der Jugendclub Yaam sei gerettet, der Holzmarkt garantiere jederzeit einen freien Zugang zum Ufer – hoffentlich auch das am Holzmarkt geplante Eckwerk, in dem neue Formen des Zusammenlebens realisiert werden sollen.

Auf dem Areal des Umzugsunternehmens Zapf sowie auf dem Behala-Grundstück an der Köpenicker Straße sei ein Anteil von Sozialwohnungen vorgesehen – der Erhalt des Kleingewerbes werde dabei angestrebt. Riedner zeigt sich weiter kämpferisch. Auch zehn Jahre nach dem Bürgerentscheid müsse „es heißen: Mediaspree entern!“

Wichtiger Weckruf für die Stadtgesellschaft

Der Baustadtrat von Friedrichshain-Kreuzberg Florian Schmidt (Grüne) sieht den Erfolg des Bürgerentscheids vor allem darin, dass er der Auftakt für eine stärkere Beteiligung der Bürger bei der Stadtplanung war. „Der Bürgerentscheid war ein wichtiger Weckruf für die ganze Stadtgesellschaft“, sagt Schmidt.

„Zu Beginn des Immobilienbooms der nun zu einem Mietenwahnsinn für alle geworden ist, haben Aktivisten eine bis dahin ungeahnte Widerständigkeit aufgebracht, die ich als Startschuss für eine Reihe von Volksbegehren betrachte: Tempelhof, Mietenvolksentscheid, Fahrradvolksentscheid.“ Um den Ausverkauf des Ufers in Friedrichshain aufzuhalten, sei die Initiative „Mediaspree versenken“ zu spät gekommen. Das Baurecht sei bereits geschaffen gewesen.

Grünflächen gesichert

„Der Bezirk hat damals aber die bestehenden Grünflächen gesichert und sich für die Kreuzberger Seite auf einen breiten Uferstreifen verständigt“, so Schmidt. „Jetzt werden auf Kreuzberger Seite über 1000 Wohnungen am Ufer entstehen, mit zirka 40 Prozent Sozialwohnungen und breitem Uferstreifen.“ Das sei auch auf die Initiative „Mediaspree versenken“ zurückzuführen – „es gibt also schon einen Teilerfolg“, sagt Schmidt.

„Beim Eckwerk und beim Yaam streben wir dauerhafte gemeinwohlorientierte Nutzungskonzepte an“, sagt Schmidt. Die Stiftung Abendrot, Eigentümerin des Eckwerk-Grundstücks, stehe einer engen Kooperation mit dem Bezirk aufgeschlossen gegenüber.

Ein neues Stadtquartier

Unterdessen wächst vor allem rund um die Mercedes-Benz-Arena ein neues Stadtquartier mit noch mehr Hochhäusern heran. Außer den beiden schon in Bau befindlichen Wohntürmen Max und Moritz ist dort ein rund 140 Meter hohes Bürohaus der OVG Real Estate geplant, das bis Ende 2021 stehen soll.

Die österreichische Signa will zudem einen 90 Meter hohen Büroturm mit dem Namen Stream Tower errichten.