Cottbus - Der Lunapharm-Skandal - der im vergangenen Jahr bundesweit für Schlagzeilen gesorgt hat - war offenbar keine Einzelfall. Dabei ging es darum, dass eine Brandenburger Firma illegal im großen Stil mit Krebsmedikamenten gehandelt hat. Nun gibt es einen weiteren Fall.

Wie das Potsdamer Polizeipräsidium am Freitag mitteilte, ist das Brandenburger Landeskriminalamt mit europaweiten Razzien gegen einen internationalen Händlerring vorgegangen. Auch diese Verdächtigen sollen illegal mit Krebsmedikamenten gehandelt habe.

Ermittler flogen extra ins Ausland

Auf Grund der Ermittlungen gab nun sieben Razzien in Deutschland – dort in Baden-Württemberg – sowie in Ungarn und der Schweiz. „Bei jeder Durchsuchung war ein Ermittler des Brandenburger LKA federführend dabei“, sagte Polizeisprecher Mario Heinemann der Berliner Zeitung. „Die Ermittler des Kommissariats Schwere Umweltkriminalität sind dafür extra ins Ausland geflogen.“

Die Razzien fanden bereits am Mittwoch statt. Durchsucht wurden Wohnungen und Firmensitze. „Hintergrund ist ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Cottbus wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz und gewerbsmäßigem Betrug“, sagte Heinemann.

Ein Großhändler entdeckte den Fall

Im Fokus der Ermittlungen steht ein 43-jähriger deutscher Geschäftsführer eines Pharma-Großhändlers in Baden-Württemberg. Dass das Brandenburger LKA aktiv wurde, liegt daran, dass der Fall dem Brandenburger Landesamt für Arbeitsschutz gemeldet wurde. „Der Sachverhalt der Manipulation ist erstmals einem Brandenburger Pharma-Großhändler im Zuge der Wareneingangskontrolle aufgefallen“, sagte Heinemann.

Die Firma informierte die Aufsichtsbehörde. Diese stoppte den Vertrieb des Arzneimittels dieser Charge in Deutschland und in Europa.  „Das Amt hat sich dann an das Potsdamer Innenministerium gewandt und an unser LKA“, sagte Heinemann. „Deshalb ermitteln  nun wir.“

Bei den Durchsuchungen von sieben Objekte waren nicht nur in- und ausländische Polizisten dabei, sondern auch Behörden wie die Schweizer Arzneimittelaufsicht. Durchsucht wurden Wohnungen, Pharmaunternehmen, Händler, Apotheken und Versandlager.

Bislang keine Gesundheitsgefährdung

Der Vorwurf gegen den 43-Jährigen lautet: Er soll seit Frühjahr 2018 gefälschte onkologische Arzneimittel – also Krebsmedikamente – in den Verkehr gebracht haben. Gefälscht wurden jedenfalls die Verpackung der Arzneimittel sowie die Beipackzettel und Blister. Laut Gesetz dürfen damit die Medikamente nicht mehr verkauft werden.

„In Bezug auf die Wirkstoffeigenschaften der Arzneimittel bestehen nach Auskunft des pharmazeutischen Unternehmens des Originalpräparats keine signifikanten Unterschiede zum Original, so dass unklar ist, ob diese auch gefälscht sind“, sagte Heinemann. „Eine konkrete Gesundheitsgefährdung für Patienten in Brandenburg wurde bisher nicht festgestellt.“

Der aktuelle Fall habe aber keinen direkten Bezug zu Lunapharm.

Medikamente für 20 Million Euro

Bei dieser Firma soll ebenfalls ein internationaler Ring von Kriminellen zusammen gearbeitet haben. Der Vorwurf lautet: Es wurden wirksame Krebsmedikamente in Griechenland und möglicherweise auch in Italien gestohlen, die dann wohl auch unsachgemäß verpackt und nicht ausreichend gekühlt nach Deutschland gebracht und hier illegal verkauft wurden.

Von 2013 bis 2016 soll es dabei um Medikamente für 20 Millionen Euro gegangen sein. Der Handel zwischen Lunapharm und einer Apotheke in Griechenland lief bis März 2018.

Preise in Deutschland doppelt so hoch

Bereits beim Lunapharm-Skandal gingen Fachleute davon aus, dass dies kein Einzelfall ist, sondern dass es internationale Schmugglerringe gibt. Denn der Markt für Krebsmedikamente ist äußerst lukrativ.

So kostete eine Packung mit 20 Tabletten, die illegal über Lunapharm verkauft wurden, beispielsweise etwa 2500 Euro. Dazu kommt, dass die deutschen Krankenkassen eine bundesweite Regelung durchgesetzt haben, dass zehn Prozent aller Medikamente, die in Deutschland angeboten werden, aus dem Ausland kommen müssen. Das soll die Kosten senken, denn in anderen Ländern werden die baugleichen Arzneimittel deutlich billiger angeboten. Der Preis ist nach Angaben von Fachleuten in Deutschland teilweise doppelt so hoch.

"Tor für Fälschungen weit offen"

Eine Expertenkommission, die wegen Lunapharm vom Potsdamer Gesundheitsministerium eingesetzt wurde, forderte in einem Gutachten, dass der Bund die Zehn-Prozent-Quote wieder abschafft.

Im Gutachten heißt es: „In den vergangenen Jahren hat sich immer wieder gezeigt, dass Importe zunehmend als Zugangsweg für qualitativ minderwertige, gestohlene oder gefälschte Arzneimittel genutzt werden.“ Die Erfüllung der Importquote verursache nicht nur einen hohen bürokratischen Aufwand, sondern gefährde vor allem die Patientensicherheit.

„Durch die Importquote steht das Tor für Fälschungen weit offen“, sagte Gutachter Martin Schulz, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker.

Rücktritt der Ministerin

Lunaharm darf inzwischen nicht mehr am Markt agieren. Doch die Durchsetzung des Verbots war schwierig, weil die Firma aus Blankenfelde-Mahlow (Potsdam-Mittelmark) immer wieder bei Gericht Beschwerde gegen das Verbot der Betriebserlaubnis einlegte.

Wegen des Falls musste die damalige Potsdamer Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) zurücktreten, denn zum einen wusste die Arzneimittelaufsicht in Brandenburg von dem Fall, hat aber nicht die Polizei einschaltet. Außerdem wurde Golze vorgeworfen, den Skandal nicht schnell und konsequent genug aufzuklären.