Es ist windig und kalt, es regnet. Vor Haus C auf dem Gelände des Landesamtes für Gesundheit und Soziales (Lageso) in der Moabiter Turmstraße stehen mehrere Menschen in einer Schlange. Viele husten. Einer hält ein Papier in der Hand. Ein Attest auf Arabisch von einem Arzt aus Aleppo. „Translation please“, ruft eine Helferin in die Runde. Ein junger Mann eilt herbei. Es gehe um Asthma, übersetzt er. Die Helferin schiebt den Kranken in den Flur. „Please sit down“, sagt sie und zeigt auf eine Bank. Bitte hinsetzen.

Seit August leisten auf dem Gelände des Lageso Ärzte, Krankenschwestern und Hebammen Erste Hilfe für Flüchtlinge. Ehrenamtlich. Montags bis freitags, von 8 bis 18.30 Uhr, ist die medizinische Notversorgungsstelle in Haus C dafür geöffnet. Denn Flüchtlinge, die noch nicht registriert sind, haben – außer in Notfällen – keinen Anspruch auf medizinische Leistungen. Und bis sie registriert sind, können Tage oder Wochen vergehen. Deshalb wird die medizinische Erstversorgung für diese Flüchtlinge in den Notunterkünften nur von Freiwilligen gewährleistet.

„Wir kümmern uns um diese Menschen in der Grauzone“, sagt Zehra Can. Die 34-Jährige ist die Koordinatorin der Notversorgungsstelle. Sie ist hauptamtlich für die Caritas tätig. „Als Einzige in der medizinischen Erstversorgung“, sagt sie. Sie organisiert alles Nötige, Medikamente zum Beispiel, die von der Vivantes-Apotheke gespendet werden. Sie macht auch den Schichtplan für die Ehrenamtlichen. Dabei kann sie auf einen Pool von 70 Ärzten zurückgreifen, vom Allgemeinmediziner bis zum Zahnarzt. Unter ihnen sind pensionierte Mediziner, aber auch viele, die sich die Zeit neben ihrer Arbeit nehmen: „Viele Ärzte kommen aus umliegenden Krankenhäusern, manche nehmen sich extra Urlaub, um hier mitzuhelfen“, sagt Zehra Can.

Fast täglich ist sie vor Ort. „Seit August sagen wir, dass wir hauptamtliche Ärzte, Pfleger und Hebammen brauchen, aber es passiert nichts“, beklagt Can. Mit der einsetzenden Kälte werde es immer gefährlicher für die Flüchtlinge. „Das Anstehen bei diesem Wetter macht krank“, sagt Can. Der Präsident der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz, fand am Wochenende noch drastischere Worte: Er rief dazu auf, die „absolut asozialen“ Zustände für die Flüchtlinge auf dem Lageso-Gelände in Moabit zu beenden.

Halsschmerzen und Schüttelfrost

Neben Ärzten arbeiten auf dem Lageso-Gelände täglich 40 medizinische Helfer, darunter Krankenschwestern und Hebammen, sowie 30 Sprachmittler. „Auch das sind oftmals Ärzte, die arabisch oder farsi sprechen, die aber keine Approbation für Deutschland haben“, sagt Zehar Can.

Inzwischen arbeiten Ärzte und Helfer in einem festen Haus. Anfangs gab es nur ein Zelt ohne Boden für die Kranken, Medikamente und Verbandsmaterial hatten Ärzte aus ihren Praxen mitgebracht.

Ende August übernahm die Caritas die humanitäre Hilfe auf dem Gelände. Nach und nach wurde seitdem ein Behandlungsraum nach dem anderen in Haus C eingerichtet: Mit Trennwänden und Möglichkeiten, die Hände zu desinfizieren.

„Zurzeit klagen viele Flüchtlinge über Halsschmerzen, sie sind erkältet, haben Schüttelfrost oder Fieber“, berichtet Adelheid Lüchtrath. 200 Fälle seien es pro Tag. Lüchtrath ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und hat in Charlottenburg eine Praxis. „Ich habe mir die Termine so gelegt, dass ich hier helfen kann, meine Praxis bleibt dann zu“, sagt sie.

Bei Notfällen geben die Ärzte einen Härtefall-Bescheid aus. Mit diesem können die Flüchtlinge, die noch nicht registriert sind, an der Schlange vorbeigehen und dann schneller im Amt vorstellig werden, weil es für sie unzumutbar wäre, in der Kälte anzustehen. „Auch wenn es mir manchmal schwer fällt, ich darf nur einen Notfall-Bescheid ausstellen, wenn es tatsächlich einer ist“, sagt Lüchtrath. Einer habe sich beispielsweise die Schulter ausgekugelt und wollte einen Härtefall-Bescheid. Da dies aber nachweislich bei dem Patienten öfters vorgekommen sei, es sich also um ein chronisches Leiden handele, sei es kein Härtefall gewesen, sagt sie. Wichtig sei es, auf die leisen Menschen zu achten, so Lüchtrath. Auf jene also, die sich nicht lautstark bemerkbar machen. Da könne leicht eine Notsituation übersehen werden.

Wie auch die anderen Helfer fordert Adelheid Lüchtrath, dass der Senat mehr für die Erstversorgung tun müsse. Es könne nicht angehen, dass dies nur durch ehrenamtliches Engagement gewährleistet werden kann, sagt sie. Eine hauptamtliche Lösung müsse her.

Mindestens 5 000 Altfälle

Die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales will allerdings auf dem Lageso-Gelände hinsichtlich der medizinischen Erstversorgung vorerst nichts ändern. „Wir beobachten die Situation engmaschig. Wir werden sehen, wie sich das dort entwickelt und werden entscheiden, ob es zu einer hauptamtlichen Lösung kommt“, sagte eine Sprecherin am Montag der Berliner Zeitung.

Nach der Neueröffnung der Erstregistrierungsstelle in der Bundesallee werde der Andrang auf die medizinische Versorgung auf dem Lageso-Gelände zurückgehen, so hofft man. In den Großunterkünften für Flüchtlinge sollen künftig zudem durch Kooperation mit anliegenden Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten Sprechstunden vor Ort abgehalten werden.

Es bleibt abzuwarten, wie die sogenannten Altfälle, diejenigen Flüchtlinge also, die nicht nach dem neuen System registriert werden, dann medizinisch versorgt werden. An die 5000 oder mehr sollen es sein. Die Arbeit von Zehra Can und den vielen ehrenamtlichen Helfern auf dem Lageso-Gelände wird aller Voraussicht nach also noch eine ganze Weile weitergehen müssen. „Wir sind hier eine erfahrene Truppe“, sagt Zerah Can. Dann piepst es, Zehra Can zückt das Funkgerät. Eine Stimme ertönt: „Wir brauchen einen Farsi-Übersetzer in Haus C.“ Can antwortet: „Ich kümmere mich drum.“ Und weg ist sie.