Berlin - Erste Frage: Was haben der Impfschutz von Kita- und Grundschulkindern und die Zwangseinweisung von psychisch Kranken mit der Trinkwasserverordnung zu tun? Alle fallen in die Zuständigkeit der zwölf Berliner Gesundheitsämter. Nächste Frage: Was haben die Gesundheitsämter mit den Jugendämtern, den Bauämtern und den Bürgerämtern zu tun? Sie alle leiden unter Personalmangel und stehen oder standen am Rand zur Handlungsunfähigkeit. Bei den Gesundheitsämtern mangelt es vor allem an Ärzten. 43 von 315 Planstellen sind nach Auskunft der Gesundheitsverwaltung derzeit nicht besetzt.

Viel weniger Geld als Klinikärzte

Schon jetzt führt dieser Mangel beispielsweise dazu, dass Eltern monatelang auf Sprechstundentermine beim Jugendpsychiatrischen Dienst warten müssen. Auch gesetzlichen Aufgaben wie der Überprüfung der Hygiene in den Krankenhäusern der Stadt können die Ämter teilweise nicht mehr im vorgesehenen Umfang nachkommen. Und die Lage wird sich absehbar weiter verschärfen. „Auf einige Ausschreibungen unseres Gesundheitsamts hat sich kein einziger Bewerber gemeldet“, sagte der Bürgermeister von Treptow-Köpenick, Oliver Igel (SPD), der Berliner Zeitung.

„Die Lage hat sich verschärft“, bestätigt auch Gudrun Widders, Vize-Landesvorsitzende des Verbands der Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst. Sie ist Amtsärztin in Spandau, wo der Personalmangel besonders gravierend ist. Sieben Arztstellen waren Anfang des Jahres unbesetzt.

Über die wesentliche Ursache sind sich Widders, Igel und auch die Senatsgesundheitsverwaltung einig: Die Bezahlung der Mediziner ist nicht konkurrenzfähig. „Ein Facharzt verdient im Berliner Gesundheitsdienst 4213 bis 5921 Euro“, rechnet Widders vor. Damit entspricht das Gehalt, das Ärzte im Gesundheitsdienst am Ende ihrer Laufbahn erhalten, den Einstiegslöhnen in Universitätskliniken: 5817 Euro sieht der Tarifvertrag vor, den der Marburger Bund mit den Arbeitgebern abgeschlossen hat.

Bei den anstehenden Haushaltsverhandlungen will die Gesundheitsverwaltung darum Verbesserungen erreichen. „Wir würden am liebsten den Tarifvertrag für Ärzte auch im öffentlichen Gesundheitsdienst anwenden“, sagt der Sprecher von Senatorin Dilek Kolat (SPD), Christoph Lang. Die Hansestadt Hamburg geht bereits einen ähnlichen Weg.

In der Finanzverwaltung gibt es jedoch Vorbehalte. Senator Kollatz-Ahnen (SPD) möchte offensichtlich keinen Präzedenzfall schaffen. Schließlich fehlen im öffentlichen Dienst nicht nur Ärzte, sondern auch viele Ingenieure und andere Hochqualifizierte, die in der Privatwirtschaft höhere Gehälter kriegen. Rutschen die Ärzte aus dem bisherigen Gehaltsgefüge, werden ihnen andere Berufsgruppen bald folgen wollen.

Es könnte darum dauern, ehe sich die Lage in den Gesundheitsämtern verbessert. Bloß: Viel Zeit ist nicht. Die Belegschaft in den Gesundheitsämtern ist noch stärker überaltert als in anderen Behörden. „Wir sind wie eine stille Polizei“, sagt Gudrun Widders. „Wir schützen die Bevölkerung vor Gesundheitsrisiken. Wenn wir gut funktionieren, bemerkt man uns nicht.“ Wenn die Gesundheitsämter in absehbarer Zeit ihre Aufgaben nicht erfüllen können, dürfte das hingegen spürbare Folgen für die Berliner haben – im Wortsinn.