BerlinDie Frage „Wie verbringst du Weihnachten?“ klingt in diesem Jahr anders. Und erst die Antworten: „Mit einem guten Buch und Alkohol“, sagt die Bekannte. Viel Alkohol, füge ich in Gedanken hinzu, ihrem Zittern in ihrer Stimme nachhörend. Und hoffe, dass er gut ist. Ihre Einsamkeit ist keine selbst gewählte und hat nichts mit den Verwerfungen dieses Jahres zu tun. Sie wurde verlassen. Ein „Komm doch zu uns“ kriecht in meinem Mund herum. Faucht, weil es nicht heraus darf und legt sich dann zum Sterben nieder. 2020 ist füreinander da sein nicht erwünscht.

Es ging viel ums „Weihnachtenretten“ in den letzten Wochen, und dann verstieg sich Peter Altmaier zu der These, Shoppen sei jetzt ein patriotischer Akt. Dass dieser Schwachsinn in den Advent fällt und die Kerzen zum Verlöschen bringt, zeigt viel über die Sicht auf Weihnachten, nicht nur dieses Politikers. Und bestimmt auch vieler Bürger, weshalb Mely Kiyak nicht nur unrecht hat mit ihrer Behauptung, Weihnachten sei tot. Doch hat ihr Text in der Zeit mich genauso geärgert wie das Gesabbel der sogenannten Volksvertreter. Hat mich genauso aufgewühlt wie die Vorstellung der allein trinkenden Bekannten im Kerzenschein.

Denn wie Merkel und Co urteilt Kiyak aus der Blase ihrer Schlüsse. Schlüsse auf die Allgemeinheit, wie es üblich ist bei solcherart zugespitzter Einlassung. Und man muss ja nur das Radio anschalten: Weihnachten = Konsum. Weiß jedes Kind. Doch apropos Kind: Warum sind denn die Kirchen voll an Heiligabend? Man kann das als Zeitvertreib bis zur Bescherung hinweg fegen. Aber das glaube ich nicht. Es ist mehr. Eine Sehnsucht. Nach der universellen Botschaft dieses Festes. Nach 50 Minuten Einfachheit statt Rausch. Kind in der Krippe. Singen. Vaterunser. Fertig.

Allzu verdeckt wird auch die Tatsache, dass viele so feiern. Man tut ihnen Unrecht, wenn man den Advent wechselseitig zum Black Month und Heiligabend für tot erklärt. Und dann sind da noch die, bei denen Kargheit und Isolation keiner Überzeugung folgen. Die früher im Kreis ihrer Lieben und zwischen Geschenkebergen gefeiert haben. Jetzt ist alles weg. Sie sind allein.

In den letzten Jahren war ich in der dunklen Zeit häufig in der Stephanus-Stiftung im Gottesdienst. Es sind Feste, die auch ohne Kinder gut besucht sind. Und wenn ich die alten Frauen und Männer zittrig die Kirche betreten sehe, den Glanz in ihren Augen angesichts der wenigen Kleinen, ihre Inbrunst beim Singen, dann werde ich richtig zornig über alle, die diese Zeit kaputtreden. Die, welche das ganze Jahr über November haben, müssen gerettet werden. Bei Lichte besehen. Wer also immer sich berufen fühlt, das Fest zu retten, sollte jetzt mit dem Kümmern beginnen. Damit niemand dann allein ist, der das nicht möchte.