Das Kuratorium des am Sonnabend stattfindenden Tags der Clubkultur.
Foto: Gerd Engelsmann

BerlinSeit jeher wird sie besungen und beklagt: Die Clubszene Berlins ist Marke und Magnet der Stadt, sie repräsentiert und scheut selbst zugleich die Öffentlichkeit. Ihre Landschaft ist so weit wie groß: Sie reicht von populären, weltbekannten Orten bis zu den kleinen, versteckten Räumen für das jeweilige Nischenpublikum. Für viele sind sie „Safe Spaces“, das heißt Orte, an denen Fetisch, Leidenschaft oder Rausch gelebt werden – unter dezidiertem Ausschluss der Öffentlichkeit. Vielleicht ist es auch gerade diese Anonymität, wegen der sich Clubs immer wieder mit Vorurteilen herumschlagen müssen, die sie auf das Motto „düster und schmutzig“ reduziert. Und das erst recht in diesem Jahr, in dem sie überwiegend geschlossen hatten. Ihre Existenzen hängen jetzt mehr denn je auch von der öffentlichen Anerkennung ab.

Am Sonnabend will die Szene deshalb nicht nur zeigen, dass sie noch da ist. 40 Clubs und Kollektive in sieben Bezirken öffnen im Rahmen des „Tags der Clubkultur“ ihre Türen und Tore zu Indoor- wie Outdoor-Veranstaltungen. Gefördert und unterstützt wird das Ganze von Kultursenator Klaus Lederer (Linke), der den Tag in eine Reihe von Maßnahmen einordnet, die einerseits das Überleben der Betriebe sichern sollen – wie etwa die erweiterten Soforthilfen für Betriebe mit weniger als zehn Angestellten. Der Tag soll auch zeigen, dass Clubs elementarer Bestandteil des kulturellen Spektrums sind. Denn anders als Museen und Theater seien Clubs von den gesellschaftlichen Beschränkungen „in besonderer Weise betroffen“, so der Senator. Ein Weitermachen funktioniere nur bedingt – so hatten etwa einige ihre Außenbereiche zu Biergärten umfunktioniert. Feiern, wie es vorher war, sei mit den aktuellen Hygieneregeln einfach „nicht vereinbar“.

Die Clubs, so Lederer, gehören zur kulturellen Infrastruktur der Stadt, die auch Ausgrenzung und Diskriminierung etwas entgegensetzen. „Jetzt, wo es ihnen dreckig geht“, könne Berlin sie nicht im Stich lassen. Die 40 Clubs und Kollektive, die am Sonnabend dabei sind, sind die Gewinner einer Ausschreibung von Clubcommission, Musicboard und der Senatsverwaltung für Kultur und Europa, die mit je 10.000 Euro dotiert war. Für diese Extra-Portion Nothilfe mussten die Betriebe einiges vorweisen, erklärt Katharina Ahrend, die mit im Kuratorium sitzt. Die Bewerber mussten erklären, wie sie bisher zum kulturellen Geschehen in der Stadt beigetragen haben, außerdem drei exemplarische Veranstaltungs- und natürlich ein Hygienekonzept einschicken. Von 90 eingereichten Bewerbungen hat das fünfköpfige Kuratorium 40 ausgewählt.

Im Vordergrund stand in der Auswahl „Vielfalt und Diversität“, erklärt Kuratoriumsmitglied Lewamm „Lu“ Ghebremariam. Das Programm solle deshalb nicht nur von etablierten Läden gestellt werden. Auch junge und kleine Kollektive wurden belohnt, die sich etwa „in den letzten Jahren für die Sichtbarkeit marginalisierter Gruppen“ eingesetzt haben, sagt Ghebremariam. Die Auswahl sei „hart“ gewesen, denn „alle hätten es gebraucht“. Deshalb hoffen die Initiatoren, dass Senat und Bund auch weiterhin Geld für die Clubkultur locker machen werden. Die alten Themen – und nach wie vor bedrohlichen Dauerbrenner – wie Gewerbemietschutz und Clubsterben ließen sich dadurch allein nicht lösen, so Ghebremariam, die in der Clubcommission für Diversität und Awareness zuständig ist. Dazu müsse das „Bewusstsein, dass Clubs kulturelle Orte sind“, sich langfristig durchsetzen – ein Signal, das am Sonnabend ebenfalls gesendet werden soll.

Lutz Leichsenring, Sprecher der Berliner Clubcommission.
Foto: Gerd Engelsmann

Dass das Kuratorium auf Diversität gesetzt hat, spiegelt sich auf verschiedene Weise im Programm: Es gibt Tanzveranstaltungen und Konzerte, Panels, Lesungen, Performances und Installationen. Ghebremariam zählt auf: Dass es ein „inklusiver Tag“ werde, zeige sich sowohl in der Musik, die nicht allein elektronisch sein wird, sondern auch darin, dass ein großer Teil der Veranstaltungen bereits tagsüber beginnt. Hinter dem Fokus auf ein diverses Programm steckt aber auch Kritik an der etablierten Clubszene. Denn auch dort dominieren Machtstrukturen, die „weiß, cis-männlich und heterosexuell sind“, findet ein Kuratoriumsmitglied, die trans*feministische Künstlerin Sanni Est. Sie seien für marginalisierte Gruppen „nicht einladend“. Deshalb sieht Est sowohl den pandemischen Stillstand als auch den kommenden Sonnabend als Chance, um grundsätzlich an den Strukturen von Berlins kultureller Szene zu arbeiten.

Ob eine Aktion wie der „Tag der Clubkultur“ zu einem Zeitpunkt von gelbem Ampellicht der richtige Schritt sei? „Es geht nicht darum, die Clubs aufzumachen“, so Lederer. Das Ziel sei zu „zeigen, dass Clubkultur trotz des Verzichts auf manches, was sie ausmacht“, verantwortungsvoll mit der aktuellen Situation umgeht.