Berlin - In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts begannen Teenager übergroße Hosen zu tragen. Sie kauften die Stücke einfach fünf Nummern zu groß, krempelten sie um, zogen den Bund mit einem Gürtel zusammen. Neben Provokation und Abgrenzung, die sie damit erzeugten – es waren Skateboarder, die das taten, nicht Punks oder Mods oder Gothics – waren diese Hosen auch noch viel bequemer als die engen Röhrenjeans, und die Herstellung der Kleidung war denkbar einfach.

Einige Jahre später griff die Modeindustrie diesen Stil auf und fast jeder männliche Teenager trug superweite Hosen, einzige Veränderung war, dass sie nun auch gerne nicht durch einen Gürtel gehalten waren und fast auf den Kniekehlen ansetzten. Die Industrie erzeugte mit der ehemaligen Jugendsubkultur nun hohe Umsätze und die Skateboarder hörten auf weite Hosen zu tragen.

Coworking ist die überweite Hose der Neuen Arbeit. Wir erleben in diesem Jahr die Kommerzialisierung des Phänomens. Es entsteht gerade eine Industrie, die dazu führen könnte, dass Coworking ein Mainstream-Produkt wird. Das alleine wäre begrüßenswert.

Neue Ketten spielen nur Coworking

Und doch kann man den Blickwinkel des Skateboarders nutzen, um das Phänomen aus dessen Sichtweise zu beleuchten, denn ähnlich wie die Höhe des Hosenbundes verändert sich auch das Coworking in entscheidenden Details und wird zu eine Ware von vielen, wird zum Marketingbegriff degradiert und setzt damit eine Idee aufs Spiel, die eigentlich das Zeug hätte, die Gesellschaft und die Erwerbstätigkeit nachhaltig zu verändern.

Die Haltung des Skateboarders, ist der des enttäuschten Künstlers ähnlich. Der Indie-Band, die sich ihren mangelnden Erfolg mit Authentizität schön redet. Fast jede avantgardistische Bewegung kommt irgendwann zu diesem Punkt. Und doch ist bei der Kommerzialisierung des Coworking eine Sache ganz anders. Denn die jetzt auf den Markt sich etablierenden Coworking-Ketten spielen nur Coworking, sie benutzen es als reines Marketinginstrument, um unter dessen Deckmantel teure Büroeinheiten zu verkaufen und den Mietern einen Distinktionsgewinn zu vermitteln. 

Zum Marketing-Buzzword degradiert

Dabei geht der eigentliche Kern des Coworkings aber verloren. Denn die Vermarktung zielt nur auf das Vortäuschen eines Mehrwerts ab, den sicherlich jeder Coworking-Space im Gepäck hat, aber eben nicht die echte Veränderung in der Art wie wir Leben und Arbeiten hervorruft. Ein Office Center ist kein Coworking-Space und Immobilienentwickler sind keine Coworking-Space-Betreiber.

Und jemand, der in einem Bürotower am Bahnhof Zoo sitzt, 450 Euro im Monat für seinen Flexdesk zahlt, in völliger Abwesenheit von Gründern, umgeben von anderen Angestellten etablierter Unternehmen, die alle ungefähr das gleiche tun wie er selber, ist kein Coworker.

Coworking wurde aus der Kaffeehauskultur geboren, die mobile Arbeit war die Hebamme und das Internet der Vater – Coworking ist nicht aus der Bürowelt entstanden. In Wiener Kaffeehäusern gibt es die alte Tradition, dass Gäste bei einem Kaffee stundenlang sitzen bleiben und an einem Buch schreiben oder sich Lektüre widmen, das ist verwandt mit dem Flanieren.

Es geht um Sein und nicht um Haben

Coworking ist die Petrischale der Neuen Arbeit. In Coworking-Spaces geht es um viel mehr als nur eine Modeerscheinung. Hier werden Grenzen der Zukunft der Arbeitswelt ausgelotet, Kollaboration, Serendipität und Selbstbestimmtheit füllen die Köpfe und Räume. Es geht um Zugangsrecht und nicht um Besitz. Es geht um Sein und nicht um Haben.

Die weitere Ausbreitung des Phänomens Coworking ist absolut zu begrüßen. Es wäre aber eine große vertane Chance, wenn man nun den Marketingbudgets der investorengefütterten Coworking-Spaces – oder besser Bürohausketten – dies überlassen würde und einen leider falschen Coworking-Begriff vermitteln ließe. Ganz im Vertrauen darauf, dass eine positive Wirkung für das Gesamtphänomen entsteht, wenn egal wie, der Bekanntheitsgrad des Begriffes erhöht wird.

Hoffnung auf den "Google-Effekt"

Vergleichbar wäre es mit dem Effekt den Google auf das Internet hat. Viele Menschen denken, dass Google das Internet ist. Wir werden nicht verhindern können, dass Ketten wie WeWork oder Mindspace für Coworking gehalten wird und es ist wünschenswert, Coworking breiteren Bevölkerungsschichten bekannt zu machen, aber es ist wichtiger, die Debatte mit zu gestalten und zu beeinflussen, die Unterschiede zu benennen und in Konzepten weiter zu schärfen.

Der erhöhte Konkurrenzdruck wird die etablierten Coworking-Spaces zu Professionalisierung und noch mehr Kreativität treiben, sie werden die nächste überweite Hose erfinden und gleichzeitig nicht aufhören, die Originale zu tragen. Sie werden weiterhin die Klöster der Neuen Arbeit sein, aber 2016 wird sich das Phänomen rasant verändern und Coworking wird seine Unschuld verlieren.

Der Autor Ansgar Oberholz ist Betreiber des St. Oberholz in Mitte.