Mehr asbestbelastete Wohnungen in Berlin als bisher bekannt

Das Asbestproblem bei den landeseigenen Wohnungsunternehmen ist größer als bisher bekannt war. Nachdem der Senat die Zahl der unter Asbestverdacht stehenden Wohnungen im Februar noch auf 41.585 bezifferte, kommen nach aktuellen Angaben weitere rund 5300 Wohnungen hinzu. Das geht aus einer offiziell noch nicht veröffentlichten Antwort der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf eine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Andreas Otto hervor.

Die Zahl der unter Asbestverdacht stehenden Wohnungen in Landesbesitz erhöht sich damit auf rund 47.000. Nach oben korrigiert werden muss die Zahl, weil die landeseigene Gesobau jetzt konkrete Angaben zur Zahl der betroffenen Wohnungen gemacht hat. Nach einer zwischenzeitlichen Modernisierung vieler Häuser geht das Unternehmen derzeit von „zirka 5300 Wohnungen“ mit einer Asbestbelastung aus, heißt es in der Senatsantwort.

Für den Brandschutz eingesetzt

Zu Beginn des Jahres hatte die Gesobau keine Angaben gemacht. „Ich freue mich, dass die Gesobau erstmalig seit dem Jahr 2000 eine Zwischenbilanz ihrer Asbestsanierung veröffentlicht“, sagt der Grünen-Abgeordnete Otto. „Mit über 5000 asbestbelasteten Wohnungen, die bekannt sind, hat sie allerdings nach wie vor einen signifikanten Anteil am Asbestproblem Berlins im Wohnbereich.“

Deshalb sei es notwendig, dass die Gesobau die Strategie der rot-rot-grünen Koalition für die asbestfreie Hauptstadt 2030 aktiv unterstützt. Wie berichtet, wollen SPD, Linke und Grüne das gefährliche Material aus Wohnhäusern und anderen Gebäuden verbannen.

Asbest gehört zu einer Gruppe nicht brennbarer Minerale und wurde deswegen vor allem in den 50er- bis 70er-Jahren oft beim Brandschutz eingesetzt. Gefährlich ist der Stoff, weil eingeatmete Asbestfasern Krebs auslösen können. Zwar darf Asbest seit 25 Jahren in Deutschland nicht mehr hergestellt und verwendet werden, doch noch immer findet sich der Stoff in vielen Wohngebäuden: in Abwasserrohren, Balkonbrüstungen, Blumenkästen, Fassadenplatten – und besonders oft in Fußbodenbelägen. Solange die Fliesen unbeschädigt sind, geht keine unmittelbare Gefahr von ihnen aus. Wenn die Fliesen beschädigt sind, können jedoch Fasern freigesetzt werden.

Nahezu vollständig saniert

Auffällig: In der Senatsantwort vom Februar werden asbestbelastete Wohnungen und Wohnungen, die lediglich unter Asbestverdacht stehen, teilweise gleichgesetzt. Offenbar, weil man davon ausgeht, dass jeder Verdacht einer tatsächlichen Asbestbelastung entspricht. Die Zahl der asbestbelasteten Wohnungen verteilt sich danach wie folgt auf die landeseigenen Unternehmen: Mit 19.711 Wohnungen hat die Degewo die meisten Wohnungen. Dahinter folgt die Gewobag mit 17.100 Wohnungen, die Gesobau mit 5300, die Stadt und Land mit 3350, die Wohnungsbaugesellschaft Mitte mit 865 und die Berlinovo mit 559 Wohnungen.

Die Howoge ist die einzige landeseigene Gesellschaft, die den Angaben zufolge keine asbestbelasteten Wohnungen mehr hat. Sie habe ihre Wohnungen nahezu vollständig saniert, heißt es zur Begründung. Selbst die nun ermittelten asbestbelasteten Wohnungen stellen aber noch nicht die obere Grenze der betroffenen Unterkünfte in Landesbesitz dar. So sind laut der Senatsantwort vom Februar außerdem insgesamt 2407 Apartmenteinheiten der Berlinovo nachweislich mit asbesthaltigen Bodenbelägen oder Kleber ausgestattet – oder sie stehen im Verdacht, das Material zu enthalten.

Verschärfte Vorschriften

Zu den bekannten Wohngebieten, in denen Asbest verbaut wurde, gehören das Märkische Viertel, die Autobahnüberbauung an der Schlangenbader Straße und das Falkenhagener Feld in Spandau. Mancherorts wurde der Stoff auch bei der Modernisierung von Altbauten eingesetzt, etwa am Klausenerplatz in Charlottenburg. Die Gesobau hat nach den Senatsangaben einen großen Teil ihrer asbestbelasteten Wohnungen im Märkischen Viertel saniert. Asbesthaltige Fußbodenbeläge seien dabei fachgerecht ausgebaut und entsorgt worden. Wichtig ist dabei das Datum 11. Juli 2012.

Seit diesem Tag seien die Wohnungen nach den damals in Kraft getretenen verschärften Vorschriften saniert worden, heißt es in der Senatsantwort. Danach mussten nicht nur die asbesthaltigen Fußenbodenbeläge entfernt werden, sondern zugleich der oftmals asbesthaltige Kleber. Zuvor hatten die Behörden lediglich die Entfernung der Bodenplatten verlangt, der Kleber durfte versiegelt werden und in der Wohnung verbleiben. In älteren, bereits sanierten Wohnungen kann es deswegen noch immer asbesthaltigen Kleber geben.

Kennzeichnung asbesthaltiger Bauteile

Sowohl Mieter als auch Erwerber von 444 Wohnungen, die im Märkischen Viertel verkauft wurden, seien von der Gesobau über mögliche Asbestbelastungen informiert worden, geht aus der Senatsantwort hervor. Die Information sei verbunden gewesen mit dem Hinweis, dass nur geschultes Fachpersonal Arbeiten wie Bohren, Schleifen oder Sägen an den Wänden und Böden vornehmen dürfe. Ein erneutes Informationsschreiben ist für das dritte Quartal 2018 geplant. 

Der Grünen-Abgeordnete Andreas Otto bezeichnet dies als „Fortschritt“. Im Interesse umfassender Transparenz sei jedoch auch eine Kennzeichnung asbesthaltiger Bauteile sinnvoll“, so Otto. „Das tut die Gesobau bisher nicht. Wir werden darüber weiter reden.“