Die Autorin Sabine Rennefanz
Maurice Weiss /Ostkreuz

BerlinIch will nicht sagen, dass Corona auch etwas Gutes hat, weil das so nicht stimmt. Ich weiß, dass viele am Ende ihrer Kräfte sind, ich habe das selbst mehrfach geschrieben. Aber ich stelle auch fest, dass manches besser geworden ist.

Ich habe das neulich gedacht, als wir das siebte Wochenende in Folge in unserem Garten hinter dem Haus verbracht haben. Ich wusste schon früher, dass ein Garten in der Stadt Luxus ist, aber so richtig lieben gelernt habe ich ihn erst in den vergangenen Monaten. Ich lag mit den Kindern auf dem Trampolin und wir guckten in den blauen Corona-Himmel, ganz ohne Kondensstreifen oder Flugzeuggerumpel. Wir guckten nach links, wir guckten nach rechts, die Sonne schien uns ins Gesicht, die Kinder kuschelten sich an mich. Ich dachte an nichts, ich bewegte mich nicht. Es war absolut perfekt.

Wer diese Kolumne regelmäßig liest, ahnt wahrscheinlich, dass ich niemand bin, dem es besonders leicht fällt zu entspannen. Nichts zu tun fällt mir normalerweise sehr schwer. Ich bin da nicht allein, ich habe gelesen, dass es sogar Kurse gibt, in denen man Nichtstun lernen kann. Wochenenden, unstrukturiertes Familienleben, machten mich vor Corona unruhig. Ich spürte jeden Donnerstag diesen Druck, das kommende Wochenende durchzuplanen: Müsste man nicht Oma besuchen? An den See fahren? Diese oder jene Familie mal wieder treffen, damit die Kinder zusammen spielen?

Woher kommt dieser Druck? Das ist eine Sache, die ich nicht so leicht beschreiben kann. Ich komme aus einer DDR-Arbeiterfamilie, in der nur derjenige etwas gilt, der mit seinen Händen etwas schafft. Urlaub hieß nicht Baden oder Wandern, sondern Arbeit im Garten oder am Haus. Wer im Liegestuhl saß und ein Buch las, machte sich in den Augen meines Vaters verdächtig.

Ich habe nach dem Wechsel meiner Schichtzugehörigkeit auch an der Freizeitkompetenz gearbeitet, war als kinderlose Akademikerin sogar recht erfolgreich. Im Bett ein Buch lesen, ins Kino gehen, das konnte ich sehr gut. Dann kamen die Kinder und alles ging von vorne los. Es hat sich unter Mittelschichtfamilien eingebürgert, dass Kinder jeden Alters an den Wochenenden mit Programm unterhalten werden. In Brandenburg lebt eine ganze Kletter-Erdbeer-Dinopark-Industrie davon. Außerdem muss man sich ja auch noch um sich selbst kümmern, mit Yoga, Museumsbesuch, Freunde treffen. Ich mag all diese Dinge, und doch schrumpften sie manchmal zu Punkten auf einer Liste, die abgearbeitet werden muss. Die sozialistische Arbeitsethik meines Vaters und die ultramoderne Selbstoptimierungsdiktatur ergänzten sich prächtig.

Wenn Kollegen am Montag davon berichteten, wo sie mit ihren Kindern überall waren, wie lehrreich es in diesem oder jenem Eventort war, dann fühlte ich mich schlecht, wenn ich es am Wochenende doch nur geschafft hatte, mit den Kindern runter in den Garten oder in den Park zu gehen. Das Gefühl wird verstärkt durch die sozialen Medien. Es gibt sogar einen eigenen Begriff dafür: Fomo, das steht für „fear of missing out“, die Angst, etwas zu verpassen.

Das ist jetzt alles weg - das schlechte Gewissen, der Druck, etwas zu unternehmen, zu planen, jemanden zu treffen. Fomo ist weg, von Corona verschluckt, weggeputzt, weggespült. Es reicht, durch den Tag zu stromern und als Vier-Mensch-Einheit miteinander zurechtzukommen. Was schon schwer genug ist. Ich hoffe, dass das jetzt niemand falsch versteht: Ich freue mich darauf, wenn ich all das, was jetzt nicht ging, wieder machen kann. Aber andererseits haben die Einschränkungen unser Familienleben am Wochenende freier und entspannter gemacht. Den Kurs zum Nichtstun brauche ich nicht mehr. Und ich weiß schon, was wir diesmal machen: In den Garten gehen.