Die Bauarbeiter denken nicht an die Totenruhe. Sie haben gute Laune, mögen es laut und rufen sich Kommandos zu. Aus dem Fundament ragen Stahl- und Betonteile für einen Neubau. Längst wird dieser Teil des St.-Thomas-Friedhofs an der Hermannstraße nicht mehr gebraucht. Der Friedhof ist zwar immer noch ein Ort der Stille, aber längst nicht mehr in allen Bereichen. Die Baustelle am Rand des Friedhofs schafft eine ungewöhnliche Atomsphäre: Auf der einen Seite Gräber mit Kränzen und Kerzen und gleich daneben Baustellenlärm.

Bestatten und Bauen – die Berliner Friedhöfe sind im Wandel. Heute werden weniger Flächen für Bestattungen gebraucht. In den vergangenen Jahren sind 38 Friedhöfe geschlossen worden, auf 22 weiteren gibt es Bereiche, auf denen keine Bestattungen mehr stattfinden. Die überflüssigen Flächen bleiben meist als Grünanlagen erhalten, ein geringer Teil darf bebaut werden.

An der Neuköllner Hermannstraße sieht man diesen Wandel ganz deutlich. An der Straße, direkt am U-Bahnhof Leinestraße, baut der evangelische Friedhofsverband Stadtmitte ein neues Verwaltungsgebäude mit Läden und Büros. Ende 2019 wird es fertig sein. Auf der anderen Seite wurde der ehemalige St.-Thomas-II-Kirchhof zu einer Grünanlage. Sie heißt jetzt Anita-Berber-Park. Ein Stückchen weiter pflanzen Hobbygärtner der Kreuzberger Prinzessinnengärten Gemüse an. Und daneben nutzt das Jugendkulturprojekt Schlesische Straße 27 einen Teil des Jerusalem-Friedhofs für ihren experimentellen Landschaftsgarten mit Insektenhotel und Gewächshaus.

Schon 70 Hektar geschlossen

Jürgen Quandt hat noch viel mehr Ideen, was man mit den ungenutzten Flächen der Friedhöfe alles machen könnte. Der 74-Jährige ist Pfarrer und Geschäftsführer des evangelischen Friedhofsverbandes Stadtmitte. Er verwaltet 45 Friedhöfe in Bezirken wie Mitte, Pankow, Friedrichshain-Kreuzberg und Tempelhof-Schöneberg. 250 Hektar gehören dem Verband, 70 Hektar sind geschlossen, ein Teil ist entwidmet.

Pfarrer Quandt würde einige dieser Flächen gern an das Land Berlin verkaufen. Dann könnte der Senat dort dringend benötigte Wohnungen errichten. Bis zum Jahr 2030 fehlen etwa 194.000 Wohnungen, hat der Senat errechnet. Doch Bauland ist teuer, die Stadt hat kaum noch eigene Flächen, Investoren spekulieren mit ihren Grundstücken. Und so bietet Quandt dem Senat schon seit einigen Jahren einige Randflächen auf Friedhöfen zur Bebauung an. „Der Senat könnte diese Flächen im Sinne der Bewohner für den sozialen Wohnungsbau nutzen“, sagt Quandt. „Im Senat fehlt die Bereitschaft, über die Bebauung dieser Flächen zu diskutieren.“

Quandt kritisiert, der Senat wolle keine Bauflächen kaufen, es fehlten Konzepte, es gebe kein Interesse, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. „Dabei müsste der Senat dankbar sein über unsere Bereitschaft, Friedhofsflächen für den sozialen Wohnungsbau zur Verfügung zu stellen“, sagt der Pfarrer. Er spüre jedoch keine Unterstützung, erkenne keine einheitliche Linie. Angaben aus der Verwaltung seien sehr widersprüchlich. „Da gibt es Bauland in bester Lage, und Berlin nutzt es nicht“, sagt Quandt.

Traditionelle Beisetzungen sind selten geworden

Von den 179 landeseigenen und kirchlichen Friedhöfen mit über tausend Hektar Fläche finden heute bereits auf 143 Hektar keine Beerdigungen mehr statt. Etwa 57 Hektar sind als Grabflächen entwidmet. Künftig, so Prognosen, wird es noch mehr ungenutzte Friedhöfe geben.

Doch wie kann das sein? Es ziehen doch immer mehr Menschen nach Berlin, die Zahl der Einwohner wächst. Warum sinkt dann der Bedarf an Grabstellen? Für den „dramatischen Rückgang“, wie Pfarrer Quandt es nennt, gibt es viele Ursachen. Die Bestattungskultur hat sich geändert. Traditionelle Beisetzungen mit Sarg und Grabstein sind selten geworden, ein Großteil der Verstorbenen wird in einem Gemeinschaftsurnengrab beigesetzt. Die Zahl der Begräbnisse sinkt, ebenso die Zahl der Erdbestattungen. Im Jahr 1991 gab es nach Angaben des Statistischen Jahrbuchs noch 11.672 Erdbestattungen, 2016 waren es nur noch 5.599. Gleichzeitig stieg in diesem Zeitraum die Anzahl der anonymen Begräbnisse von 8.777 auf 14.592.

Immer mehr Menschen wünschen eine Seebestattung

Den Wandel in der Bestattungskultur spürt die Kirche in zweifacher Hinsicht. Sie braucht immer weniger Fläche für Bestattungen und sie bekommt dafür weniger Geld. Für Erdbestattungen werden etwa zwölf Quadratmeter Fläche benötigt, ein Urnengrab braucht knapp drei Quadratmeter, in einer Urnengemeinschaft sind es nur noch 0,5 Quadratmeter.

Ein Grund für den sinkenden Bedarf an Friedhofsflächen ist auch, dass sich immer mehr Menschen eine Seebestattung oder eine Grabstelle in einem Friedwald wünschen. Verstorbene, die nicht aus Berlin stammen, lassen sich in ihren Heimatstädten oder ihren Herkunftsländern beerdigen. Berliner Muslime werden auf islamischen Friedhöfen, wie der am Columbiadamm, beigesetzt. „Diese Entwicklung führt zu einem stetigen Einnahmeverlust“, sagt Pfarrer Quandt. Eine Erdbestattung kostet im Durchschnitt etwa 1.500 Euro, ein Urnenplatz 500 Euro, ein Gemeinschaftsurnengrab ist noch günstiger zu haben.

Und so versucht Pfarrer Quandt, die überflüssig gewordenen Flächen zu verkaufen. Die Nachfrage ist groß, private Investoren erkennen lukratives Bauland für neue Wohnungen in bester Lage: meist Innenstadt und ruhig gelegen, viel Grün und ein weiter Blick auf Bäume und alte Gräber.

Doch Quandt verkauft nicht an die meistbietenden Investoren. Baugruppen und soziale Projekte werden bevorzugt. Kürzlich hat er zwei Grundstücke auf Friedhöfen an Baugruppen verkauft. An der Hermannstraße baut der Bund Deutscher Gartenfreunde seine Hauptgeschäftsstelle, daneben errichtet die Schöpflin Stiftung ein Haus des gemeinnützigen Journalismus. Dort werden ausländische Reporter arbeiten, in deren Ländern keine Pressefreiheit herrscht.

Auf Friedhöfen in Neukölln und Kreuzberg sollen Wohnungen für Geflüchtete entstehen

An der Heinrich-Roller-Straße in Prenzlauer Berg entstand schon vor sieben Jahren eine öffentliche Grünanlage mit Spielgeräten und Bänken auf einem Teil des Friedhofs. Viele historische Grabanlagen blieben stehen, mit dem Einverständnis der Hinterbliebenen. Nun spielen dort Kinder. Leisepark haben die Anwohner diesen friedlichen Ort genannt, eine Bitte an Besucher, sich pietätvoll zu verhalten.

Jürgen Quandt engagiert sich seit den 80er Jahren im Verein Asyl in der Kirche. 2014 verteilte er im Rahmen dieser Tätigkeit 85 Männer und Frauen auf Kircheneinrichtungen der Stadt, die zuvor auf dem Oranienplatz in Kreuzberg gegen ihre Lebensbedingungen und die deutsche Asylpolitik protestiert hatten.

Jetzt will Quandt auf Friedhöfen in Neukölln und Kreuzberg Wohnungen für Flüchtlinge bauen. Er verhandelt mit kommunalen Wohnungsbaugesellschaften, bespricht die Bauvorhaben mit dem Senat. Bisher ohne Erfolg. „Ich würde mir mehr Unterstützung vom Senat wünschen“, sagt er.

Friedhofsplan von 2006

Vor zwölf Jahren hat der Senat prognostiziert, dass es in der Stadt langfristig nur noch 93 Friedhöfe für Bestattungen geben wird. Im Jahr 2006 legte er die künftige Nutzung im Friedhofsentwicklungsplan fest. Darin steht, dass der Großteil der ungenutzten Flächen als Grünfläche erhalten bleiben muss. Es war die Zeit, als im Senat noch niemand davon sprach, dass die Stadt dringend neue Wohnungen braucht. Die frühere Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) warb für den „individuellen Wohnungsneubau“: Einfamilienhäuser und Townhouses in der Innenstadt.

Dieser Friedhofsentwicklungsplan aus dem Jahr 2006 gilt bis heute. Und so betont die Senatsumweltverwaltung auf Anfrage der Berliner Zeitung, dass Friedhofsflächen nach Ablauf von Ruhe- und Pietätsflächen „grundsätzlich als Grünfläche“ genutzt werden. Nur unter bestimmten Voraussetzungen sei eine andere Nutzung möglich, das sei jedoch ein „langfristiger und schrittweiser Prozess, der sich über mehrere Jahrzehnte hinziehe“.

Historische Grabanlagen sollen erhalten bleiben

Aus der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung heißt es zögerlich, entwidmete innerstädtische Friedhofsflächen seien „eine Option“ für neue Wohnungen, anteilig sei eine Bebauung denkbar, angesichts des dringenden Wohnungsbedarfes würden ehemalige Friedhofsflächen im Stadtentwicklungsplan 2030 berücksichtigt.

Pfarrer Quandt sagt, der Friedhofsentwicklungsplan sei in Fragen der Bebauung noch „viel zu rückhaltend“. Er entspreche längst nicht mehr dem aktuellen Stand. Quandt glaubt, etwa ein Drittel aller Flächen sei für eine Bebauung geeignet. Die anderen zwei Drittel, vor allem historische Grabanlagen, sollten erhalten bleiben, sie werden gebraucht. „Friedhöfe sind entstanden, weil der Tod zum Leben gehört. Und es werden immer Orte sein, um von geliebten Menschen Abschied zu nehmen.“