Berlin - Kein anderes Poem bewegte die Berliner in den letzten Monaten so sehr wie dieses. „avenidas“ von Eugen Gomringer. Sexismus oder Loblied auf die Schönheit der Frauen? Darüber stritten sich auch international die Geister. An der Fassade der Alice Salomon Fachhochschule ist das Gedicht nach Mehrheitsbeschluss Geschichte. Knapp zwei Kilometer entfernt prangt es nun wieder meterhoch an einer Hauswand. Die Hellersdorfer Wohnungsgenossenschaft „Grüne Mitte“ hat das Gedicht mit Zustimmung des Verfassers wieder sichtbar gemacht.

In einem offenen Brief an die Fachhochschule kritisiert Wohungsbau-Vorstand Andrej Eckhardt eine „Diktatur der Schreihälse“, deren Weg man nicht mitgehen wolle. „Nicht die Aktiven, die diese Stadt gestalten wollen, werden unterstützt, sondern die, die gegen alles sind“, schreibt Vorstand Andrej Eckhardt. „In dieser Stadt gibt es die Diktatur der Schreihälse, Politik und Bildung haben Angst vor diesen. Das ist nicht gut und macht Angst“, heißt es weiter in dem Schreiben an die Leitung der Hochschule.

„Gomringer-Gedicht vermittelt Gefühl der Lebensfreude“

Angesprochen von Mitgliedern der Genossenschaft habe man sich daher entschieden, dem Gedicht auch weiterhin einen würdigen Rahmen zu geben und dafür zu sorgen, dass es mit Hellersdorf verbunden bleibt. „Wir finden, dass das Gedicht eine Leichtigkeit widerspiegelt und ein Gefühl der Lebensfreude vermittelt“, so Eckhardt.

Von der Hochschule heißt es lässig: „Wir bedanken uns herzlich bei der Wohnungsgenossenschaft „Grüne Mitte“ für ihre Mitteilung über die Neugestaltung ihrer Fassade. Wir freuen uns sehr, dass nun schon zwei Fassaden im Bezirk die Vielfalt der Werke von Preisträger_innen des Alice Salomon Poetik Preises im öffentlichen Raum sichtbar machen.“