Wer’s glaubt, wird selig. Diese Kulisse also ist der Inbegriff der amerikanischen Illusion von europäischer Romantik: das aus Plastik gefakte Matterhorn, an dessen Fuße, am Ufer vor einem grünkristallenem Bergsee in bestem klimatischem Einvernehmen Palmen, tropische Büsche und Gebirgstannen ihre Wedel oder Wipfel in Kaliforniens Sonne recken.

Das echte Schweizer Massiv ist mit 4478 Metern Höhe einer der höchsten Berge der Alpen, 1865 erstmals erklommen von einer Seilschaft, nachdem viele Versuche missglückt, Bergersteiger abgestürzt waren. Nun also schwimmen vor dem mörderischen Fels im makellosen Wasser, dem man bis auf den Grund schauen kann, friedlich eine rote Boje mit Möwen und gelbe U-Boote. Eine rote High-Tech-Eisenbahn rast um die künstliche Landschaft herum. Wir sind im allerersten Disneyland von 1955, in Anaheim bei Los Angeles. Heute überziehen solche künstlichen Freizeitparks die Kontinente, sind Familien-Beglückungs-Magneten und Geldmaschinen in einem.

Solche Orte sind wie geschaffen für den Fotografen Thomas Struth und dessen Affinität zu menschenleeren Panoramen, zu künstlichen oder zu echten, immer markanten, ins historische, geografische oder touristische Gedächtnis eingeprägten Landschaften. Oder auch – die Galerie Hetzler zeigt weitere Großformate – zu Forschungs- und Industrie-Anlagen, berühmten Plätzen, Bahnhöfen, Laboratorien, Op-Sälen, Siedlungen.

Menschen in ihren Scheinwelten

Wieder ist es die präzise, kühle Art des aus der Düsseldorfer Becherschule kommenden Fotokünstlers, die fasziniert. Auch diese Selbstverständlichkeit, mit der er seine Großformate präsentiert, als wären es traditionelle Gemälde. Abermals hat der nun 60-Jährige Wahlberliner eine von Menschen gemachte „Landschaft“ groß aufgezogen, sozusagen mit Kalkül monumentalisiert.

Das Nahe wie das Ferne der Bildebenen scheinen, aus leichter Froschperspektive, zu einem Ganzen zusammengerückt, aber alles ist gleich scharf. Fels, Baum, Strauch, Wasser und Boote unterm kühlblauem Himmel verfallen in Starre. Aber gerade in dieser Erstarrung, die eine fotografische Gelassenheit zelebriert, kann man erkennen, was der Mensch alles anstellt, mit und gegen die Natur, um sein Erlebnis- und Spaßbedürfnis zu befriedigen. Es ist ein alles überblickendes Stil-Prinzip, das übrigens aus der Renaissance-Malerei kommt, mit dem Struth Stellung nimmt zur Spätmoderne, zu dem, was Menschen tun für ihre Scheinwelten. Es geht um emblematische Fotografie von Zivilisation, ein nüchternes Registrieren. Struths tektonische Komposition entbehrt jeder Sozialromantik oder Dramatik. Sie will umso mehr das Transitorische der Beziehung zwischen Landschaft, Betrachter, Erinnerung – vielleicht gar Erkenntnis – zeigen.