Man gönnt sich ja sonst nichts. Aber exklusiv gibt sich diese Kaffee-Werbung anno 1913 wirklich! Ein von der Sonne indianisch rotbraun gebrannter Tennis-Profi im weißen Dress klemmt den Schläger lässig unter den Arm und gönnt sich erst mal einen Porzellan-Becher voller wahrscheinlich appetitlich duftendem Kaffee HAG, auch wenn der entkoffeiniert, somit wenig aufregend ist. Der aromatischen Wirkung tut das keinen Abbruch.

Das Werbeplakat stammt aus dem Münchner Studio der Gestalter Hohlwein/Consée und hängt im Blickpunkt des von Kathleen Arthen exzellent kuratierten Ausstellungs-Kapitels „Deutscher Werkbund“ im Berliner Bröhan-Museum, dessen Sammlungen und Expositionen der Epoche des Jugendstils, des Art déco und des Funktionalismus – vor der Bauhauszeit – gewidmet sind.

Diese Exzellenz gilt übrigens von A-Z für die gesamte Schau „1914 – Das Ende der Belle Époque“ – der „Schönen Epoche“, anhand von 300 Design-Objekten, Bildern, Kunsthandwerk, Möbeln, Geräten und Gefäßen. Es war eine vom technischen Fortschritt beflügelte Ära, die, gerade auch mit ihren, in etlichen Räumen in Vitrinen und in Rahmungen ausgebreiteten Zeitschriften „Jugend“ und „Simplicissimus“ von der Alltagskunst der Gesellschaft zwischen mondänem, moderne-affinen Großstadtleben, Reformbewegung und der Flucht zurück in die Natur berichtet.

Die Pariser Weltausstellung 1900 und die Kölner Werkbundausstellung 1914 – diese damaligen großen Visionen einer fruchtbaren Zusammenarbeit von Künstlern und Industrie – bilden den Rahmen der Schau, belegen den rasanten Wandel der Welt und die gestalterische Sprache.

Doch im August 1914 endete dieser Schöne-Epoche-Traum jäh und brutal. Deutschland und ganz Europa zogen in den Weltkrieg, in eine bis dahin nie dagewesene Materialschlacht, die 17 Millionen Menschen das Leben kostete. Davor, in Friedenszeiten um und nach 1900 aber ging es um Typisierung, Systematisierung, um Massenproduktion. Üppig blühte der Jugendstil, diese erste demokratische Kunstproduktion, an der, Dank der preiswerten Massenduplikate, auch die kleinen Leute teilhatten. Nicht zuletzt durch Werbung. Etwa für Kaffee HAG, exotisch, genüsslich, Herz-Leber-Galle-schonend, daher mit dem Luxus des Bewusst-gesund-Lebens behaftet. Nur, eine derartige Lebensweise musste man sich erst mal leisten können!

So typisiert wie plakativ gestalteten damals Designer wie etwa Ludwig Hohlwein den Alltags-Auftritt des edlen Produkts. Der Bremer Großhändler Roselius hatte die Aktien-Gesellschaft Kaffee HAG gegründet, das erste Unternehmen weltweit, das koffeinfreie Bohnen vertrieb. In modernen Produktionsstätten konnte schon ab 1907 die damals enorme Menge von 13 000 Pfund Kaffee täglich geröstet und verpackt werden.

Die Werbeslogans wirkten – so etwa „Stahlharte Nerven durch Sport und Kaffee Hag“ oder „Immer unschädlich! Immer bekömmlich!“ Kaffee HAG wurde als erster Kaffee bereits zu Stummfilmzeiten in Kinos beworben. Roselius setzte bei der Produktion der Kaffeesorte das Fließband noch vor Henry Ford in den USA ein. Im Laufe des Ersten Weltkrieges musste die Produktion eingestellt werden. Erst ab 1922 gab es wieder das Genussmittel Kaffee HAG.

Die so schlichten wie gefälligen Vorratsdosen, schon 1900 für eine künftige Großproduktion entworfen, stehen nun im Bröhan-Museum als Objekte, die frappierende Ähnlichkeit haben mit Kunst der Pop Art, mit Andy Warhols Supermarkt- „Brillo-Boxes“ von 1964, Behältnisse für ein Waschmittel, das daraufhin eine jede Haufrau kaufte.

Egal, ob Warhol nun die Kaffee HAG-Kisten schon irgendwie mal gesehen hatte, in einer Designerschau, in irgendeinem Werkbundkatalog oder vielleicht auch in den Regalen eines alten New Yorker Kaffee-Shops oder ob die formale Ähnlichkeit nur Zufall war: Man könnte mit beiden Objekten, dazu mit Humor und Ironie, auch zum Kern der philosophischen Frage nach Wesen, Ziel, Begriff und Ende der Kunst in der Moderne vorstoßen.

In gewisser Weise stellen die so simplen wie dekorativen HAG-Kisten von 1900 und ebenso Warhols ähnliche „Brillo-Boxes“ von 1964 die entscheidende Frage, worin sich ein Kunstwerk von einem Objekt, das kein Kunstwerk ist, aber gleich aussieht, eigentlich unterscheidet. Nun, um 1900 herum hätte einem die Münchener HAG-Kisten-Designer namens Hohlwein und Consée bei dieser These wohl eher einen Vogel gezeigt.

Ingeborg Ruthe steht im neu gestalteten Bröhan-Museum unter anderem auch in dem dem Deutschen Werkbund gewidmeten Raum vor Dosen und Plakaten mit Kaffee HAG-Werbung. Reizvoll ist die Spekulation, dem Pop-Art-Star Andy Warhol könnte bei jenem Anblick die Idee zu seinen berühmten „Brillo-Boxes“ – dieser zum ironischen Kunstobjekt erhobenen Waschmittel-Werbung von 1964 – gekommen sein.

Bröhan-Museum, Schloßstr. 1a.

Ausstellung „1914 – Das Ende der Belle Époque“.

Bis 31. August, Di–So 10–18 Uhr. Tel.: 3269 0600.

Internet: www.broehan-museum.de