Sie isst einen Pfirsich, das kann man erkennen, auch wenn die Frucht nur ganz verwischt vor dem Mund des Mädchens dargestellt ist. Es sieht so aus, als liefe es barfuß einen Sandstrand entlang. Es muss Sommer sein, das kurzberockte Blümchenkleid mit den Hemdchenträgern besagt es. Und womöglich fühlt diese Lolita – zwischen Kind- und Frau-Sein – sich noch ganz frei, leicht, unbeschwert.

Aber eben nur womöglich, denn in diesem Gemälde des Malers Andy Denzler, das jetzt neben anderen in der Galerie Schultz zu sehen ist , gibt es keine Gewissheiten, keine zusammenhängende Bilderzählung. Alles Erkennbare wirkt sogleich wieder verwischt, die Farben – Acryl und Öl verlaufen als Mischtechnik ineinander – und Konturen sind extrem verzogen, schweben zwischen Schärfe und Unschärfe. Ein Bild zwischen Sein und Nichtsein, so könnte man es mit Shakespeares Dramatikersprache sagen.

Hier wurde gemalt, indem der Maler aus Zürich alles auf seiner Leinwand verwischte, so als wolle er damit das Vorherige tilgen, die schöne Oberfläche eines Bildes mit Absicht auslöschen, aus einem Sommertag am Strand nur einen winzigen, seltsamen Augenblick ohne Jahr, Tag und Stunde machen. Als Erinnerung eben nur – ein Moment der Schönheit, des Glücks, eine schmetterlingshafte Zeitspanne ohne Vergangenheit und Zukunft.
Alles Sichtbare ist auf den Tafeln des Schweizers, der in Zürich, Los Angeles, Pasadena und zuletzt am Chelsea College London studierte, nur für Momente auszumachen. Auf diese Art und Weise ergibt sich kein Erzählstrang. Der Inhalt bleibt flüchtig und damit kryptisch.

Diese Arbeitsweise kennen wir von einem Weltklasse-Maler aus Köln, dem derzeit erfolgreichsten seines Metiers: von Gerhard Richter. Aber während der berühmte Achtzigjährige alten Fotos, die als Motive seiner Gemälde dienten, die Illusion genommen hat, sie wollten nur noch Gedanken erzeugen, malt der 47-jährige Denzler so, als würden alte Träume, Foto-, Filmsequenzen beunruhigend wiedererstehen.

Das Verhuschte, Verwischte, irritierend Verunklarte in der Kunst beider Maler aber erzielt schließlich ein und dieselbe Wirkung: Hier wird nichts erzählt und alles bleibt ein paradoxes Rätsel. Man bekommt in diesen Bildern gesagt, dass es das, was man sieht, so nicht gibt, es soll nur so aussehen, als gäbe es das. Es geht somit nicht um ein Abbild der realen Welt, sondern eher um die Erfahrung von Realität und um das Spiel zwischen Abstraktion, Fiktion und Wirklichkeit – dies mit den klassischen Mitteln der Malerei.

Und es scheint so, dass auch der viel jüngere Maler aus Zürich, wie sein Kölner Vorbild Gerhard Richter, dem Transzendenten so nahe wie möglich kommen will. Dafür reißt auch Andy Denzler seine Bildgründe auf, schabt, kratzt Schichten heraus, als wolle er den Farbsedimenten ins Innere schauen. Auch er möchte so das Wiedererkennbare, jedoch Unnahbare schaffen.

Galerie Michael Schultz, Mommsenstraße 34. Bis 2. Februar 2013, Di–Fr 10–19/ Sa 10–14 Uhr, www.galerie-schultz.de