Berlin - Diese Szene sollten wir deuten als Selbstporträt, würde der Maler, Tilo Baumgärtel, sie sonst so demonstrativ „Tilo“ nennen? Er fährt also Rad, der Pudel jagt hinterdrein. Auf dem Rücksitz eine Frau. Es ist eine einsame Radfahrt durch eine seltsame Gegend, alles andere als eine blühende Landschaft: Kahle Äste mit apathisch darauf sitzenden Vögeln, Büsche, der Weg eine Pfütze. Und alles durchzogen von schwefligem Gelbgrün.

Vielleicht passiert diese Ausfahrt ja am Rande eines stillgelegten Tagebaus nahe Leipzig, eine Gegend, in der Baumgärtel 1972 geboren wurde und Malerei studierte. Und wo er bis heute in einem Atelier, als Nachbar von Neo Rauch, in der alten Baumwollspinnerei Plagwitz zügig vor sich hin malt.

Denn auch Baumgärtel ist gefragt auf dem Kunstmarkt, wie alle, die aus diesem Sprengel kommen, aus der Malklasse von Arno Rink an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, dieser Vaterfigur der nach der deutschen Wiedervereinigung wie Phönix aus der Asche gestiegenen Neuen Leipziger Schule mit ihren jungen Malern, die sich auf das alte Handwerk virtuos verstehen, in ihren Szenerien aber die neue Zeit zum Ausdruck bringen.

Unheilvoll, doch wattig und sanft

Ziemlich beklemmend, wie Baumgärtel das tut. Bei ihm wirken die Dinge rätselhaft und die Figuren wie fremdbestimmt. Spuren der Kindheit sind wohl in diese Szenerien eingeflossen: Phobien, Alpträume, Rätsel, Märchen und unverarbeitete Ereignisse. Alles ist aufgeladen mit surrealer Bedeutung, unheilvoll und zugleich wattig und sanft.

Dystopische Szenerien in unbestimmbaren, fahlen Zwischenräumen mit Mensch, Tier, Landschaft. Eine gestische Malerei, die subtiles Grauen erregt. Es ist Baumgärtels subjektive, absurde Sicht auf die Welt – den Kreislauf von Leben und Tod, die nicht zu bändigende Öko-Krise, die nicht zu zähmende Gier nach Ressourcen und immer größerem Gewinn.

Und so fliegt er, Tilo, dahin auf seinem Rad, kein Woher und kein Wohin. Die Tour, das ist wohl klar, ist kein erholsamer, entspannter Ausflug, der Radler tritt wie von Furien gehetzt, dabei sieht man nur diesen komisch aufgetakelten, lächerlichen Designer-Hund in dieser magischen, soghaften und doch irgendwie kaputten Landschaft.
Es ist, als sei bei Alice im Wunderland eine nicht näher benannte Katastrophe ausgebrochen. Und doch ist diese ganze abgründige Stimmung verbunden mit einer luftig zarten Mal- und Zeichentechnik, voller malerischer Raffinesse, ein vergiftetes Kolorit. Romantik adieu. Trotzdem eine schöne Welt.

Die Galerie Ehrentraut befindet sich in der Friedrichstraße 123 (U-Bahnstation Kochstraße). Öffnungszeiten: Di-Sa, 11-18 Uhr.