Berlin - Könnte sein, Süßkram liebenden Leuten läuft bei dem Namen das Wasser im Munde zusammen: Hussel, die landauf, landab allgegenwärtige Confiserie.

Nun, mit falscher Werbung kann Horst Hussel recht amüsiert umgehen. Der berlin-mecklenburgische Zeichner, Grafiker, Künstlerbüchermacher (1994 gründete er die Dronte-Presse und er gehört dem deutschen PEN-Zentrum an), der am 28. April seinen 80. Geburtstag feiert, versteht es meisterhaft, auf Süßes Saures zu geben. Steht man vor seinen nach wie vor subversiven Bildern, laufen einem im Gehirn die hintersinnigsten Gedanken zusammen. „Der Kerl ist einfach zu gescheit für unsere dumme Zeit“, schrieb Stefan Heym dem Freund einst ins Stammbuch.

Ein witzig-anarchischer Bilderpoet

Die fast kindliche Gestalt in der Farbgrafik „Für K. Ferentschick“, 2014, überlagern sich Figur und Linienbündel, Schraffuren, Kräusel-Zeichen, kyrillische Buchstaben, notenartige Gebilde, Zickzacklinien. Das also ist der Kosmos Hussel, in dessen Mitte er stillvergnügt waltet, „ein bedächtiger Oberamtmann des Fantastischen, einer der großen Subtilisten der Gegenwartskunst“, wie es gar in der Wochenzeitung „Die Zeit“ hieß.

O ja, man spürt ihn sogleich, den zauberischen Sog dieser kritzeligen, fast kindlich unbeschwerten und doch zugleich tief um die Weltdinge wissenden, daher ironischen Linienkunst. Der witzig-anarchische Bilderpoet aus dem deutschen Osten füllt nun alle Wände seiner Leib-und-Magen-Galerie in Prenzlauer Berg. Darunter auch die zarte Radierung „Schirmpflanze“ von 1981, ein sich hingebungsvoll öffnendes, von zig dünnen Faden-Stengeln gehaltenes, fast erotisches, dabei seltsames Gewächs, schmetterlingsähnlich und von einer ganzen Kolonie winziger Insekten bewohnt.

Skurril, eigentümlich, vielsagend und dabei völlig rätselhaft ist Hussels Kunst. Es bedarf keiner aufwändigen Technik, wenn einer soviel Schalk und dabei seinen bunten Vogel Fantasie fliegen lässt. Hussel, Zeichner von Gottes Gnaden, kommt bestens zurecht mit knappen Mitteln: Papier, gern auch die Zeitung von gestern, Stift, Kreide, Feder, Gouachefarbe, Pinsel, Radierplatte, Nadel, Druckfarbe. Für seine Collagen braucht er lediglich noch Holzstock, Messer, Schere und ein wenig Leim.

Dieser kluge, seine Motive nie „planende“ Künstler hat sich, alle Dogmen negierend, den Sinn für Naivität bewahrt und wird dabei immer hinter- und tiefsinniger. Er nimmt die Welt mit seiner kuriosen Sicht war. Derweil schirmt er sich listig-ironisch ab in seinem Refugium, wo er Linien zusammenspinnt zu Bildgeschichten – und zu Texten. Die poetischen, skurrilen Blätter des 1934 in Greifswald zur Welt gekommenen Büchermachers, Wahlberliners und witzboldigen Begründers einer „Künstlerrepublik Mecklenburg“ drehen sich meist um eine kleine Welt, in der die Dinge vom Garten bis zum Kirchturm aus Krakeln und Kringeln und die großen Zusammenhänge aus tanzenden Strichen bestehen.

Hussel scheint in eine Märchenwelt verstrickt

Mal schwingt sich so eine Linie wie eine Brücke von einem Ufer zum anderen, mal hängt sie abgeknickt im Bildraum. Solche Vorliebe fürs Vertrackte dürfen wir deuten als späte Nachwirkungen des Berliner Dadaismus. Und, wie seltsam, dauernd muss ich vor Hussel Bildern an einen eigenartigen Dichter denken, der gewissermaßen Hussels Geistverwandter gewesen sein könnte, der Hamburger „Zettels Traum“-Poet Arno Schmidt.

Wie er scheint auch der gebürtige Greifswalder Hussel in die wunderliche Märchenwelt eines E.T.A. Hoffmann, in die Dada-Welt eines Kurt Schwitters verstrickt. Und wie Schmidt selig, hat auch Hussel beides: Kodderschnauze und weiches Herz, mit beidem bringt er seine skurrilen, oppositionellen Zeitgeist-Kommentare, Charaktertypen-Studien und Seelenlandschaften aufs Papier, bewahrt uns vor allzu flüchtiger Rezeption, zieht uns hinein ins Universum der Fantasie.