Berlin - Mächtige Wellen, irisierend grün unter dem wütenden weißen Gischt, jagen über bizarre Klippen, brechen sich am rotbraunen Küstenfels, der aussieht, als hätten Riesen hohe Säulen in den Himmel gesteckt und deren tonnenschwere Sockel einfach so beiseite geschoben. Ein Bild der Gewalt, ein Bild der Schönheit. Wie paradox. Oben auf den Granitsäulen klammern sich Bäumchen. Aufs sockelartige Gestein unten haben sich Wasservögel vor der Brandung geflüchtet.

Alltag der Natur, einer Natur, die den Menschen nicht braucht – er aber braucht sie. Vielleicht ist das die Botschaft dieses wandfüllenden Gemäldes, das der Nordkoreaner Kim Song Gun, auch der „Maler der Wellen“ genannt, nach Berlin geschickt hat. Im Herbst kann der 67-Jährige aus Chonma in der nördlichen Provinz Pjöngjang hierher reisen. Das nordkoreanische Kulturministerium hat den Pass bewilligt. Der Maler ist damit Kunstbotschafter aus einem Land, über das wir nur wenig wissen, und das Wenige ist überdeckt vom Bild einer totalitären, geschlossenen Gesellschaft.

Kim Song Gun gehört zu einer der namhaftesten nordkoreanischen Malergruppen der Gegenwart: dem Mansudae Art Studio, in dem auch sogenannte Staatskünstler tätig sind. Er und seine Kollegen füllen jetzt die Wände der Galerie Son, die sich seit sieben Jahren in Berlin für aktuelle Kunst aus Nord-und Südkorea engagiert und damit etliche blinde Flecken in unserer Wahrnehmung mit Farben füllt.

Das mächtige Motiv „Hae Keum Kang“ (Meereswelle) zeigt eine typisch koreanische Landschaft, der Malstil aber ist nicht traditionell asiatisch, so sehr die Wellenberge auch an den alten japanischen Meister Hokusai denken lassen. Zu entdecken sind ebenso deutlich nordeuropäische Stilismen, etwa die atmosphärischen Meeresmotive des Briten William Turner, die brachial-romantische Eismeer-Metapher (Gescheiterte Hoffnung) des Deutschen Caspar David Friedrich.

Die Wucht der Welle

Und da sind auch Entsprechungen zu den Meeresbildern der US-amerikanischen Landschaftsrealisten des 19. Jahrhunderts, etwa von Frederik E. Church, zu entdecken. Anders aber, im Vergleich zu all den aufgeführten Bildwerken, ist die Komposition, sind Staffelung und Perspektive bei Kim Song Gun. Er arbeitet – sehr modern – mit Horizontale wie Vertikale; er lässt die Perspektive stürzen und keine richtige Harmonie zu, so sehr der Pinsel diese auch suchen mag.

Die nordkoreanische Tradition und Kulturpolitik lassen (westliche) abstrakte Kunst eigentlich nicht zu. Und doch erreicht der Maler durch die Darstellung der Gewalt des Wassers, der nichts entgegenzusetzen ist, etwas Parabelhaftes: die Kraft des Aushaltens, des Überdauerns. Diese unterschwellige Botschaft wird in Flächen integriert, die sowohl die Virtuosität des realistischen Malens wie auch den Reiz des Abstrakten raffiniert in sich vereinen. Könnte die Wucht der Wellen eine Parabel für das Regime sein? Oder steht diese ewige Brandung für den unaufhaltsamen Lauf der Zeit?

Das soll der Betrachter entscheiden. Das Motiv ist übrigens eine kleine Fassung eines riesigen Gemäldes, das in Pjöngjang oft als Hintergrund für offizielle Fotos – etwa beim Staatsbesuch von Ex-US-Präsident Bill Clinton 2009 beim damals noch lebenden Staatschef Kim Jong Il – benutzt wurde. Das Foto war am 5. August 2009 auch Titel der Berliner Zeitung und darauf sieht man, um wie vieles größer doch die Wellen hinter den posierenden Machtpolitikern sind: Optisch können sie fast verschluckt werden.

Beide Galeristen, die Südkoreanerin Mihyun Son und der Deutsche Max Koffler, wählten das Wellenbild und weitere Landschafts-Motive in Pjöngjang selbst aus. Sie wollten eine Vielfalt von Stilen und Techniken im Umgang mit dem Thema Natur zeigen. Demnächst, zum Berliner Kunstherbst, treffen Maler aus dem durch eine Mauer getrennten Nord- und Südkorea erstmals zu einem Workshop in dieser Berliner Galerie zusammen. Sie liegt – welche Symbolik – nahe am Checkpoint Charlie. Vielleicht wird ja gesamtkoreanische Kunst dann zu einem ganz kleinen Wunder im Kalten Krieg des asiatischen Landes.