Von Stimmungszauber verstand er etwas, dieser Aert van der Neer. In den Kunstbüchern und namentlich auch Gemäldegalerien – wie der Berliner, der des Frankfurter Städel, ebenso im Amsterdamer Rijks Museum oder im Museum der Bildenden Künste Leipzig – um nur einige Ort zu nennen, die seine Gemälde besitzen, gilt er als einer der genialsten niederländischen Barock-Landschafts-Maler.

Seine so dramatische wie beschauliche und auch witzige „Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern bei Sonnenuntergang“, um 1655/60, hat etwas Verheißungsvolles. Man könnte also neidisch werden: So oder ähnlich – unsereins wäre natürlich moderner ausgerüstet von Kopf bis Fuß – könnte es endlich mal wieder sein zur Weihnachts- und Neujahrzeit. Wenn es denn mal wieder richtig Winter würde! Aber bekanntlich kommt der in unseren Breiten und zumal in der Großstadt immer erst dann, wenn ihn keiner mehr braucht, weil die Feiertage und freien Tage vorbei sind, das Alltagsgetriebe unterm Schneematsch leidet, Bahnen, Busse sich verspäten, der Berufsverkehr ärgerlich stagniert.

Von Ärger und Frust wegen des Frostes ist auf diesem altmeisterlichen Genre-Bild von vor gut dreieinhalb Jahrhunderten so gar nichts zu spüren. Es liegt eine große Ruhe über dem Motiv: der zugefrorene Fluss mit den Floßhölzer-Stapeln am Ufer und den geöffneten Reusen dient als Eisbahn. Die Holländer waren unübersehbar begeisterte Schlittschuhläufer und auf den Winterbildern jener Zeit, so auch auf diesem des Amsterdamers Aert van der Neer (1603 bis 1677) geben sich Arm und Reich, Jung und Alt, Anfänger und Könner dem kalten Vergnügen hin. Manche, weit hinten nur als Strichfiguren zu erkennen, schwungvoll, fast elegant, andere mit plumpen Schritten. Einer, gleich hinter dem Reusen-Zaun, stolpert, der Wind fährt ihm unter den Mantel, dessen Schöße überm Kopf zusammenschlagen, so dass der Läufer nichts mehr sehen kann. Der Windstoß entblößt den Rücken, zeigt uns den dicken Po, wo sich überm Hosenbund wulstig der Saum der Unterhose rollt. Das typisch Niederländisch-Derbdrollige – wie wir es gerade von den Bildern des Breughel-Umfeldes kennen, kommt also auch nicht zu kurz.

Spaziergänger und Hunde vervollständigen das Treiben auf dem Eis. Dabei wirkt der winterliche Naturschauplatz mit der untergehenden Sonne und den Wolkengebirgen sowie der Kulisse aus geduckten Häusern, Kirchturm, Booten und Windmühlen so, als würde der klirrende Frost keinen stören. Nicht mal dem Tollpatsch, der auf allen Vieren übers Eis kriecht, weil er wohl einfach zu beleibt ist, um die Balance zu halten.

Symbolische Bedeutung der Landschaft

Übrigens: Die historische Klimaforschung belegt vom späten 16. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf der nördlichen Erdhalbkugel eine „Kleine Eiszeit“. Diesem naturwissenschaftlichen Befund assistiert somit auch dieses Motiv. Van der Neer war ein brillanter Beobachter und liebte das Stimmungsvolle. Es ging nicht darum, naturgetreu abzubilden. Gerade auch der Landschaft kam eine symbolische Bedeutung zu, und sie ist, ähnlich wie ein Stillleben, zu entschlüsseln. Auch dass die einheimische Landschaft eines eigenständigen Bildmotivs überhaupt für würdig erachtet wurde, war erst eine Errungenschaft des 17. Jahrhunderts.

Nicht zuletzt aber zeigt van der Neer uns eine heute rar gewordene Verbundenheit zwischen den Leuten und ihrer Landschaft.