Berlin - Alles auf dieser nur mittelgroßen Tafel ist figurativ und zugleich schablonenhaft abstrahiert. Alles, was hier im Jahr 1974 mit dem Pinsel akribisch aufgemalt wurde, wirkt ganz nah, stilisiert, fast distanziert – und erfasst doch das Wesen der Dinge. Stumme Requisiten galoppieren über den schwarzen Bildgrund: Das Pferd, die Hufe, der wehende Schwanz, das Wägelchen auf der Rennbahn, die demonstrativen Handschuhhände – was denn nun, geht’s nach links oder nach rechts? – der güldene Siegerkranz mit grün und lila Schleifenband. Und der kegelförmige, zähnebleckende Kopf des Wagenlenkers: Siegen um jeden Preis, koste es, was es wolle. Erreicht ist allerdings nicht das Maximale. Rot gedruckt die Ziffer 2. Platz zwei. Und die Versalien Sieg stehen unten auf dem grünen Rasen.

Nicht ganz greifbar

Es ist die seltsame, nicht ganz greifbare Ticha-Ikonografie, destilliert zu einem eigenwilligen Bildkosmos aus dem russischem Konstruktivismus eines Malewitsch und dessen Lubok-Figuren, aus dem optimistischen Konstruktivismus des Franzosen Leger, aus den Bauhausfigurationen Oskar Schlemmers und der amerikanischen Pop-Art Roy Lichtensteins. Aber was war das doch für eine grandiose Persiflage auf eine stereotype, ritualisierte, von Machtinstrumentarien diktierte Siegerwartung, wie sie einst den DDR-Sport prägte – und noch heute das Höher, Schneller, Weiter wegen der Macht des Geldes sogar bis zum Doping – und leider in anderen Lebensbereichen bestimmt.

Hans Ticha, Jahrgang 1940, war schon zu DDR-Zeiten, im Berliner Osten, ein Maler, Grafiker, Typograf, der in kein Raster passte. Er war einer der singulären ostdeutschen Pop-Art-Ironiker, die ihr Zeit- und Lebensgefühl in Bilder steckten, aber deswegen in der DDR-Kunst ideologisch ausgegrenzt waren.

Ölfarben enthielten politischen Sprengstoff

Tichas Kunst war also irgendwie „gefährlich“. Seine Ölfarben enthielten politischen Sprengstoff. Um nicht womöglich nach Bautzen, in den politischen Knast zu müssen, stellte er ganze Werkgruppen mit der „Butterseite“ weit hinten gegen die Wand in seinem Atelier in Prenzlauer Berg: die „Großen Klatscher“, die als konstruktivistische Maschinenarmee aufmarschierenden NVA-Offiziere, die „Redner“, „Ordensträger“, Fahnenschwenker“, die stempelförmigen Holzköpfe, die „Unverbrüchlichen“ Waffenbrüder, die staatsmännischen „Umarmer“ und zur Riesenfaust geronnenen „Sieger der Geschichte“. Parodien eines sich selbst applaudierenden Staates – aus heutiger Sicht lesen sich diese Bilder auch als gemalte Diagnosen des Untergangs der DDR. Auf der neunten DDR-Kunstausstellung 1982/83 rangierten Tichas Bildgestalten mit den Kugelköpfen, Greifarmen, Maschinenrümpfen noch unauffällig unter der Harmlos-Rubrik Gebrauchsgrafik/Illustration. Bei der zehnten und letzten DDR-Kunstschau 1987/88 war Ticha nicht mehr dabei.

Ausnahmekünstler

Nur zwei Jahre später ging er weg aus dem nun mauerlosen Berlin, ins Rhein-Main-Gebiet. Aber Ironie blieb ihm auch weiterhin Pflicht. Den Persiflagen auf die Diktatur der Arbeiterklasse folgte in den vergangenen 20 Jahren der Blick auf die Schwachstellen der westlichen Demokratie. Jetzt heißen die kalt stilisierten Bilder etwa: „Schöner wohnen“, „Wir bieten Ihnen ...“,, Idol“, „Pauschalreise“ oder „Live Sex“.

Klasse, dass Galerist Johannes Zielke den Ausnahmekünstler Ticha, der an der Kunsthochschule Weißensee bei Kurt Robbel und Arno Mohr studierte – mit dieser Retrospektive unbekannter Bilder neu ins Bewusstsein der Kunstszene rückt, ihn wegen der frappierenden Aktualität alter und neuer Motive wiederentdeckt. Letztere Arbeiten, die man hintergründig surreale Pop-Art nennen möchte, sind abermals grafische Metaphern, aus denen eine sarkastische Experimentierlust mit normierten Jasagern, Opportunisten, Seelen-, Glücks- und Liebesverkäufern grinst.

Galerie Läkemäker, Schwedter Str. 17. Bis 23. Juni, Mi–Sa 14–18 Uhr. Tel.: 747 86 538. www.laekemaeker.com