Dieser Kopfputz, diese farbenprächtigen Kleider. Und dann der erotische Hüftschwung, die massenhafte Nabelschau, dazwischen gestählte nackte Männeroberkörper. Es glüht förmlich, das viele Rot in den Bildern, die, das ganz nebenbei, fast galeriewandfüllend groß sind. Musik, Rhythmus, Schönheit – Masse und Macht. So erlebte das Künstlerpaar Römer + Römer in Brasilien die Samba- Festivals, Umzüge, den Karneval in Rio. Und die Treffen der Ureinwohner, der Cucumbi-Indianer.

Alles auf diesen riesigen Leinwänden, wo zunächst Fotografiertes später per Ölfarbe aufgemalt wurde, haben die beiden – Nina Römer, geboren 1978 in Moskau, und Torsten Römer, geboren 1968 in Aachen – tagelang erlebt in den südamerikanischen Städten des großen Amazonas-Landes.

Seit ihrer Studienzeit an der Kunstakademie Düsseldorf, in der Meisterschülerklasse bei A.R. Penck, leben und arbeiten sie zusammen, immer in Werkserien, die meist nach so ausgiebigen wie intensiven Reisen entstehen. Im Frühjahr diesen Jahres waren die beiden einen ganzen Monat lang in Rio de Janeiro, Sao Paolo und Salvador da Bahia. Sie begleiteten Karneval-Umzüge. Und die beiden lasen aus den Tänzen, was in ihren Gemälden nun den historischen Hintergrund liefert: die bunte multikulturelle brasilianische Vergangenheit und Gegenwart, die tragische, von Gewalt und Ausrottung geprägte Geschichte der indianischen Ureinwohner, ebenso die der barocken portugiesischen Kolonialzeit – und die heutige oft bitterarme soziale Situation des 192 Millionen-Landes, in dem eine glamouröse Fußball-WM stattfinden soll, aber die Ärmsten der Armen nicht wissen, wovon sie leben sollen.

Mit mindestens 10 000 Fotos von tanzenden Menschen in kostbaren Kostümen auf Umzugswagen kehrte das Paar zurück. Auf die Nachbearbeitung der fotografischen Vorlagen am Computer folgte die für Römer + Römer typische Übersetzung in Pixel-Malerei. Daher wirken die Bildoberflächen so irritierend unscharf, man muss viele Schritte nach hinten gehen, um dann doch mittendrin zu stehen: im Sambódromo von Rio. Das berühmte Sambódromo da Marquês de Sapucaí ist eine 1984 von Oscar Niemeyer erbaute Tribünenstraße im Stadtteil Estácio: eine 700 Meter-Arena für 89 000 Zuschauer. Hier tanzen die berühmtesten Sambaschulen im Karneval um die Wette.

Samba wird bei uns in Europa paarweise gestanzt, gezügelt, domestiziert eben. Disco-Samba. Das ist die simple 2-Schritt-Version. Anspruchsvoller ist dann schon die 3-Schritt-Version, etwa beim Turnier. Noch anders in Brasilien typisch sind deutliche, schnelle Hüftbewegungen und das Bouncen genannte Vor-und-Zurück des Unterkörpers. Rasch entsteht diese fließende, unglaublich erotische Bewegung, über die Straße, über einen ganzen Platz.

Samba ist kein stationärer Tanz, das sehen wir auf den Römer + Römer-Bildern. Und sie zeigen – in schier bunt ineinanderlaufenden Farben – exstatische Menschenleiber, Stoffe, Schmuck. Das geht auf Rios Straßen mit der Batucada ab, bei dieser fantastischen, aber für uns europäische Steifhüften so schwer hinzukriegenden Vor-Rückbewegung . Nur mit ihr aber kommt man den brasilianischen Samba-Ursprüngen wirklich näher.

Und ständig ändern sich die Szenen-Ausschnitte, die Farben, die Stimmungen. Römer + Römers Malerei filtert aus der Fülle des Motivs die Essenz heraus. Aus zigtausenden fotografischen Vorlagen entstehen, verraten die beiden, höchstens 10 bis 15 Gemälde. Die Geschichten werden komprimiert erzählt, gleichen so beinahe Filmstills, als wie eingefrorene, gefühlige Momente. Man schaut darauf wie gebannt – und hat Lust, sie für sich weiterzuerzählen. Vom Lärm der feiernden Masse. Fast andächtig dagegen das riesige Bild von Indianern im Federschmuck. Kein sinnlicher Sambalärm mehr, nur noch Meditation.

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Galerie Michael Schultz, Mommsenstr. 34. Bis 12. Oktober. Im Studio läuft parallel eine Schau von Udo Nöger. Di-Fr 10-19/Sa 10-14 Uhr.
Tel: 31 99 13-0. Internet: www.galerie-schultz.de