Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu, und wem sie just passieret ...“, so dichtete Heinrich Heine vielwissend und verstehend über die Befindlichkeit und den Herzschmerz eines Jünglings, eigentlich aller jungen Leute, seiner Tage.

Der abgebildete Knabenmann – die unübliche Begriffsschöpfung soll hier als Pendant zur bei Malern und Bildhauern aller Generationen beliebten Kindfrau dienen – liefert uns Betrachtern keine zugehörige Erzählung.

Wir müssen also deuten: Er steht nur so da, rothaarig, die Wangen rot gefleckt, vielleicht ein Ausdruck für das aufwallende Gefühl zwischen Wut und Scham, mit großen nackten Füßen und auf dünnen Beinen, in seinem roten Mantel und an einen halbierten Baumstamm gelehnt. Ein Gleichnis für einen jungen Mann, der wohl nicht recht weiß, wohin ihn seine Lebensreise führen wird.

Der „Ephebe“ – in der Antike wurden so Knaben genannt, die ihre Pubertät hinter sich hatten und dann in eine Lehre oder zur Schule bei einem Gelehrten gingen, oft auf einem „Gymnasion“ oder „Lykeion“. Im alten Athen etwa erhielten junge Männer – vor Erlangung des vollen Bürgerrechts – eine zweijährige staatliche Ausbildung, die sie vor allem auf den Militärdienst vorbereiten sollte.

Eine 2000-jährige Skulptur

Die Statue eines solchen Epheben in einer Vitrine des Archäologischen Museums Istanbul hat den Berliner Bildhauer Hans Scheib fasziniert – und er schnitt 2012 eine ebensolche Figur aus einem Stamm. Nachdenklich, auch ein wenig unentschlossen wirkt der junge Mann auf dem Weg in die Welt. 2 000 Jahre alt die Istanbuler Skulptur – Scheib formte seine Version dazu, im schlichten Gewand, zugleich zeitlos, in der uralten Holzschneidertechnik und mit leuchtender Farbe bemalt, klassisch, nahezu gotisch und modern expressiv in einem, lebensvoll und anrührend auch.

Nun würde kein Jugendlicher unserer Tage wohl so spartanisch auf die Straße gehen, barfuß, ohne Hose und nur mit einem Umhang bedeckt. Selbst Goethes Sturm-und Drang-Gestalt, der junge Werther, trug die hübsch-klarlinige Mode seiner Zeit, Salingers Held Holden Caulfield aus „Der Fänger im Roggen“ und auch Plenzdorfs Edgar Wibeau als Wiedergänger von Goethes am Jungsein leidenden jungen W. hätten ohne ihre engen Jeans garantiert nicht das Haus verlassen.

Zudem will Hans Scheib, der 1949 in Potsdam Geborene, an der Dresdner Kunstakademie Ausgebildete aber für seine ausdrucksstarken Gestalten eben gerade das Überzeitliche. Hier zum Beispiel für die seelische Gemengelage eines Jugendlichen, der noch nicht wissen kann, was kommt, dem aber viele andere Leute sagen, was er soll.

Besonders auffällig sind bei Scheibs Epheben die Augen, weit aufgerissen, dazu die verdrehte Haltung der dünnen Beine und des kantigen Oberkörpers unter dem Umhang. So wirkt der Dargestellte wie ein innerlich zerrissenes, ungefestigtes, melancholisch-bockiges und wenig konformes Wesen.

Mit solcher Bildsprache verweigert sich auch der Holzbildhauer, nämlich konkreten, sich in der Zeit verortenden Details, damit auch allen modischen Strömungen und Ismen. Ihm geht es um seine ganz persönliche Botschaft. Figuren wie dieser Ephebe leben von der dramaturgischen Geste, von der emotionalen Verdichtung im Wechselspiel von Form und Farbe.

Das Skulpturale ist sinnlicher, sinnstiftender Genuss zwischen Schock und Schönheit, im Falle des Epheben blockhaft kompakt in formaler Reduktion belassen, in anderen Skulpturen Scheibs, etwa sinnlichen Frauenfiguren oder vielfältigen Tierdarstellungen sogar filigran aufgelöst und detailliert inszeniert. Immer aber sind die bemalten Holzarbeiten Ausdruck einer singulären Formensprache.

Rau, roh und heiter

Schon viele Jahre bevor etwa der Malerstar Georg Baselitz sich traditionell auf die Holzbildhauerei der Brücke-Expressionisten (Kirchner, Pechstein, Heckel, Schmidt-Rottluff) besann und sich mit Kettensäge und Meißel an Baumstämmen zu schaffen machte, erzählten Scheibs Holzfiguren von menschlichen Charakteren, Sehnsüchten und Ängsten. Rau und roh wirken die Arbeitsspuren im Holz, die Mimik und Gestik der Gestalten ist so exzessiv wie typisierend. Der Farbauftrag ist nicht dekorativ, sondern ganz Teil der Komposition.

Und dies alles passiert mit gelassener Heiterkeit, so wie bei unserem stillen Epheben. Da legt Scheib in seine Holzskulpturen eine Ingredienz hinein, die alles Schwere, Schicksalbehaftete, Traurige, Tragische niederkämpft, ganz oft mit hintergründigem Witz und gewürzt mit einem Sarkasmus, der jedes Pathos bricht.

Ins Karikierende indes gleiten Scheibs Zeitbilder nie ab, stattdessen ist er der differenzierte Beobachter und Former einer Art von Enzyklopädie menschlicher Charaktere und Verhaltensweisen. Eben das macht ihn zu einem der wichtigen Figurenbildhauer unserer Zeit, zu einem, der rückhaltlos zur deutschen expressiven Tradition steht und sich universal verständlich auszudrücken vermag.