Wer gegen wen? Das ist hier die Frage. Die Gemengelage anno 1983 ist etwas unübersichtlich. Männer, junge und alte, haben sich gekloppt an dieser Demarkationslinie zwischen dem gutbürgerlichen Wilmersdorf und dem alternativ-anarchischen Schöneberg. Einer ist zu Boden gegangen, ein anderer, hinten, hat noch die Arme oben, halb Schutz-Geste, halb Aggression.

Doch die Straßenschlacht vorm Tabakladen und dem Kulmbacher Mönchshofbräu ist am Abklingen, der Mob in der Minderzahl – oder aber weggerannt, weil wohl gleich die Polizei auftaucht. Schon stehen etliche Männer wieder ganz gelassen da mitten in der disparaten Gruppe; sie behielten offensichtlich einen klaren Kopf, während andere durchdrehten. Und noch andere wahrten gleich von Anfang an Distanz, betätigten sich lediglich als amüsierte Gaffer am Rande.

Er möchte weiter zuschlagen

Der ältere Herr mit der Armprothese, neben dem Mast mit den Straßenschildern, ist so gar nicht amüsiert. Er möchte weiter zuschlagen, wird nur mühsam zurückgehalten von einem Unsichtbaren, von dem man bloß die Hände sieht und der ganz offensichtlich Schlimmeres verhüten will. Ein Freund eben. Zweifellos ist Alkohol im Spiele, das sieht man dem stieren Blick des Einarmigen an. Womöglich trug er seine schlimme Verletzung als blutjunger Soldat in Hitlers Wehrmacht davon, für alle Zeit bestraft und vom Leben enttäuscht.

Jetzt lässt er seine Wut aus an den lotterigen Jungen, auf diesem Foto die Unsichtbaren auf der gegenüberliegenden Straßenseite: Punks, Anarchos, Hippies, „Anti-Berliner“, wie der Fotograf Christian Schulz über diese Szene aus dem West-Berlin der Achtziger erzählt. In Fotos, die heute, über 30 Jahre später, weit mehr sind als Aktions-Dokumentarismus.

Ungeschönt, fast filmisch zeigt seine Kamera geballte Aggressivität, die sich aus Unverständnis und auch Hilflosigkeit damaliger Bürger gegenüber diesen „verkommenen“ Jungen speist. Eine Art Kalter Krieg im Kleinen, er tobt im Kiez an einer Straßenkreuzung und vor einer alten Eckkneipe. Schulz, selber noch blutjung, jedoch kein Mitläufer, sondern cooler Beobachter, richtete das Objektiv seiner Kleinbildkamera in den Jahren 1979 bis 1989 auf die Subkultur West-Berlins. Er fotografierte ausschließlich in Schwarz-Weiß: wegen der Kontraste, der scharfen Konturen seiner gleichsam Fellini-haften Figuren.

Eine gnadenlos selbstbezügliche Subkultur

Der heutige Bildreporter der Berliner Zeitung, nun vornehmlich im Bereich der hauptstädtischen Gesellschaftsreportage unterwegs, fing so den damaligen Zeitgeist ein. Die Subkultur der Inselstadt war – das besagt die hier vorgestellte Szene ebenso wie alle weiteren, die der Fotograf nun erstmals in einer Schau bei La Boíte zeigt – preiswert, trashig, marode. Aber sie war – und da ergibt sich gleich eine Parallele zu den Jahren nach dem Fall der Mauer und dem einsetzenden Berlin-Hype – für alle schrägen Vögel dieser Welt auch voller kreativer Freiräume, für Lebensexperimente jenseits ökonomischen Drucks.

Angeschoben von den Impulsen des Punk, entwickelt sich hinter der Mauer im Westteil Berlins Ende der Siebziger eine kunterbunte, schrille, gnadenlos selbstbezügliche Subkultur. „St. St.“, die Transen-Galerie in der Sanderstraße wurde zum Mekka. Illegale Bars und Clubs eröffneten, Super-8-Film-Kinos, Bands und Minilabels in besetzten Häusern schossen wie Pilze aus der Erde. Das Kreuzberger SO 36 wurde, neben Punkclubs wie „Risiko“ oder der New-Wave-Disko „Dschungel“, Treffpunkt der „Anti-Berliner“, der Alternativen, Punks, Elektronikfans, Homos, Anarchos, der Extremkünstler.

West-Berlin als Off-Produktionsraum

In diesem wilden Umfeld verkehrten Protagonisten des Merve Verlags. Er verlegte 1982 das Manifest des subkulturellen West-Berlin, „Geniale Dilettanten“. Auf den Bühnen der Szene standen Rio Reiser, Gudrun Gut, Die Tödliche Doris (eingeladen zur Documenta 8!), Die Einstürzenden Neubauten und das „Mädchen vom Bahnhof Zoo“, Christiane F.

Auf Schulz’ Bildern wird das einstige West-Berlin als Off-Produktionsraum erinnert, in dem sich Bewegungen kristallisierten, atomisierten, zu bis heute wirkenden Formen fanden. Damals fotografierte er auch das Szene-Wesen „Sunshine“: Dagmar Stenschke, elend gestorben 2011. Das im Alter zahnlose, ausgemergelte Sonnenkind mit Struwwelhaaren, im Häkelkleid, mit Hunderten klappernden Schmuckreifen an den dürren Armgelenken, trug düstere Kruzifixe um den Hals und war permanent „stoned“. Das menschliches Wrack erlangte traurige lokale Berühmtheit: als Ikone der Selbstzerstörung. Christian Schulz zeigt so den Exzess und den Verfall – jenseits der Verklärung ach so schöner, wilder Zeiten.

Vernissage am Sa, 7. September, 18 Uhr. Eintritt frei. Ausstellung dann bis 27. September: Di 10–14/Fr 15–19/Sa 14–18 Uhr. Tel.: (030) 94056760. Internet: www.laboite.de