„Mein Grundeinkommen“: Berliner Sozialprojekt verlost 12.000 Euro im Doppelpack

Wer sitzt vorne, wer sitzt hinten? Diese leidige Diskussion wie beim Tandem-Fahren fällt hier flach. Streiten muss sich bei der neuen Kampagne des Berliner Sozialprojekts „Mein Grundeinkommen“ niemand, denn hier kommen beide Tandem-Partner gleich gut weg. Ende Oktober verlosen die Initiatoren 12.000 Euro im Doppelpack.

Die Teilnehmer melden sich zur Verlosung an und nominieren dabei zum Beispiel Freunde und Bekannte als Tandem-Partner, die ebenfalls registriert sein müssen. Die beiden Gewinner erhalten dann jeweils 1000 Euro monatlich, ein ganzes Jahr lang. Bedingungslos, ohne Auflagen, zur absolut freien Verfügung. Entweder fürs Nichtstun oder um endlich mal sein Lieblingsprojekt anzuschieben.

Seit einem Jahr verlost die Kampagne des Berliners Michael Bohmeyer solche bedingungslose Grundeinkommen. Bisher aber nur in der Single-Version. 15 Gewinner sind es bislang. Sie alle erhalten bereits zwölf Monate lang 1000 Euro. Die Gewinner Nummer 16, 17, 18 und 19 werden am 25. Oktober gemeinsam als Tandems ausgelost.

Was passiert mit der Gesellschaft?

Finanziert wird das Projekt via Crowdfunding. Über 23.600 private Spender haben sich bereits mit insgesamt rund 226.000 Euro beteiligt. Um gewinnen zu können, muss man nicht selbst einzahlen. Die Aktion funktioniert allein nach dem Prinzip der Solidarität und verfolgt keine kommerziellen Zwecke.

Bohmeyer und seinen Helfern geht es um einen anderen Gewinn. Den der Erkenntnis. Sie möchten wissen: Was würde mit den einzelnen Menschen und der Gesellschaft passieren, gäbe es plötzlich ein Grundeinkommen? Wie ändert sich ihr Leben? Ihre Einstellung?

Geld für alle. Einfach so. Wieder so eine fixe Eingebung linker Sozialromantiker oder am Ende doch ein tragfähiges Modell einer zukünftigen Gesellschaftsordnung? Eine derartige Basisabsicherung ohne jegliche Auflagen wird seit geraumer Zeit weltweit diskutiert. Finnland und die Niederlande starten Feldversuche, in der Schweiz wird es 2016 eine Abstimmung über die Einführung eines Grundeinkommens geben.

Warum noch arbeiten?

Auch in Deutschland gehen die Meinungen hierüber weit auseinander - und das über politische und gesellschaftliche Lager hinweg. So macht sich einerseits Götz Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm, schon seit Jahren für ein Grundeinkommen stark.

Auf den ersten Blick vielleicht überraschend hört man dagegen kritische Stimmen aus den Reihen der Linken. Ralf Krämer, Sprecher der gewerkschaftlich orientierten Parteiströmung „Sozialistische Linke“, argumentiert, dass ein Grundeinkommen individuelle Identifikationsstiftung und die gesellschaftliche Funktion von Erwerbstätigkeit aushebelt: „Das zentrale und grundlegende Interesse, das Erwerbslose wie Beschäftigte artikulieren, ist das nach einer gut bezahlten Arbeit, die ihren Fähigkeiten und Neigungen gerecht wird und mit sozialer Anerkennung verbunden ist.“

Außerdem, entgegnen Kritiker, sei das Grundeinkommen schlecht für die Motivation. Arbeit würde dadurch unattraktiv und der Faulheit Tür und Tor geöffnet. Ökonomischer Unfug mit fatalen Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft. Um diese Vorbehalte Stück für Stück abzubauen, hat Bohmeyer seinen Test gestartet.

Angstfreier leben

Erste Schlüsse lassen sich schon ziehen: „Die Gewinner erzählen, dass sie ruhiger geworden sind und entspannter leben“, so Bohmeyer gegenüber der Berliner Zeitung. „Bei vielen kommt es sogar zu einem kompletten Umbruch in der eigenen Biografie und in den Familienstrukturen.“

Bei einem Gewinner habe das Grundeinkommen dazu geführt, dass er seinen Job in einem Call Center aufgeben konnte und ein Pädagogikstudium anfing, erzählt Bohmeyer. „Bei den meisten ist die Angst vor der Arbeitslosigkeit und der Ärger mit dem Jobcenter eine echte psychologische Hürde, die viel Kreativität hemmt. Diese Angst ist nun weg.“

Aber noch etwas lässt sich aus den bisherigen Erfahrungen ablesen. Nämlich, dass rund ein Drittel der Gewinner nicht über ihre Geschichten nach dem Gewinn des Grundeinkommens berichten. Ein Verpflichtung zum Erfahrungsaustausch gibt es nicht, denn dieses Grundeinkommen ist und bleibt in jeder Hinsicht bedingungslos.

Durch Grundeinkommen sozial isoliert

Vielleicht brauchen viele den Gewinn nicht wirklich. Die Teilnehmer werden nicht auf ihre tatsächliche Bedürftigkeit hin überprüft. Wer zum Beispiel 12.000 Euro erhält, aber voll im Berufsleben steht, macht im Regelfall keine berichtenswerten Erfahrungen mit Sinn und Notwendigkeit eines Grundeinkommens.

Bohmeyer glaubt jedoch zu ahnen, warum sich einige Gewinner mit ihren Erzählungen auch zurückhalten könnten: „Prinzipiell haben alle Gewinner tolle Geschichten zu erzählen, aber viele trauen sich einfach nicht, weil sie in ihrem sozialen Umfeld mit ihrer sehr speziellen Situation isoliert sind. Sie werden oft als Sonderlinge angeglotzt. Es ist schwer für jemanden, seine Erfahrungen zu teilen, wenn er auf diese Weise vom Arbeitsmarkt entkoppelt ist.“

Bohmeyer weiß, wovon er spricht. Der 31-jährige Webentwickler lebt selbst von einem Grundeinkommen in ähnlicher Höhe. Nach seinem Ausstieg aus dem Geschäftsalltag eines Internet-Startups verdient er als Firmen-Teilhaber monatlich knapp 1000 Euro - ohne dafür weiter arbeiten zu müssen. Zusammen mit seiner Tochter lebt er in einer kleinen Mietwohnung in Kreuzberg. Doch auch ihm fehlte der Erfahrungsaustausch mit Menschen, die ähnliches erleben.

Hier setzt die Idee des Tandem-Grundeinkommens an. Bohmeyer vermutet, dass „die Wirkung des Grundeinkommens potenziert wird, wenn alle eines haben. Die Menschen beflügeln sich gegenseitig, indem sie die neue Situation gemeinsam erleben.“ Wer sich bereits kennt und gemeinsam gewinnt, der spricht auch eher miteinander darüber - so der Grundgedanke. Die Verlosung des Tandem-Pakets soll also im kleinen Rahmen austesten: Wie könnte eine Grundeinkommensgesellschaft aussehen? Könnte sie überhaupt funktionieren?

„Wir stehen noch ganz am Anfang“

Ob dieses Vorhaben auch tatsächlich gelingt, bleibt abzuwarten, Sicher ist bislang nur: Die Tandem-Kampagne (#bgeMitDir) hat dem Berliner Gesellschaftsexperiment noch einmal einen enormen Zulauf verschafft. In nur zehn Tagen nach Start der Tandem-Aktion ist die Zahl der registrierten Nutzer auf der Kampagnen-Website von 77.000 auf rund 112.000 gestiegen.

Dass sich beide potenzielle Tandem-Partner dort anmelden, ist dann auch die einzige Voraussetzung, um an der Verlosung überhaupt teilnehmen zu können. Aber geben so Nutzer nicht wahl- und zahllos x-beliebige Tandem-Partner an, um ihre Gewinnchancen zu erhöhen? „Nein, die Anzahl, der Tandems, die man angeben kann, ist von unserem System aus auf 100 gedeckelt.“, so Bohmeyer. „Außerdem müssen ja beide Partner registriert sein.“

Konkrete Erwartungen an die möglichen Erfahrungen der Tandem-Gewinner hat Bohmeyer nicht. Allerdings stellen sich schon jetzt einige Fragen, die sich durch einen einzigen Tandem-Versuch nicht zufriedenstellend klären lassen. So könnten die beiden Gewinner aus ganz unterschiedlichen sozialen Milieus und wirtschaftlichen Biografien kommen. Ihre Erfahrungen könnten ganz andere sein, als die eines Duos, dass aus vergleichbaren Verhältnissen stammt.

Für Bohmeyer ein berechtigter Kritikpunkt: „Stimmt, man kann von einzelnen Erfahrungen nie auf das große Ganze schließen, sie können nicht repräsentativ sein. Wir haben keinen wissenschaftlichen Anspruch. Uns geht es um erste Erkenntnisse. Wir stehen noch ganz am Anfang.“

Weitere Schritte sollen schon bald folgen. Zurzeit arbeiten die Initiatoren an einem Pilotprojekt zur Umsetzung eines dauerhaften Grundeinkommens. Mehr will Bohmeyer dazu noch nicht verraten: „Wirklich Seriöses können wir dazu erst dann sagen, wenn die Sache spruchreif ist.“

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