Kunst, die sich Schöngeister für gewöhnlich übers Sofa hängen, ist von Max Frisinger nicht zu erwarten. Ihn interessieren ruppige Dinge, solche, die andere Leute wegwerfen. Dinge, die ihre Funktion und damit ihren alltäglichen Gebrauchswert eingebüßt haben. Damit steht der 32-jährige Bremer, der in Hamburg studierte und seit ein paar Jahren Wahlberliner ist, in der gegenwärtigen Kunstszene ganz weit vorn. Ihn treibt eine Obsession: auf Schrottplätze. Da wird er zum Schatzgräber und versorgt sich mit Zivilisationsresten, über die andere nur mit dem Kopf schütteln.

In der Berliner Galerie CFA stehen auf weißen Sockeln silbrig schimmernde Gussteile, durch die vom Heizkraftwerk oder von Öfen in Kellern einst wohlige Wärme in Berliner Wohnungen und Büros geleitet wurde. Eine gute Tonne Schrott ergaben diese alten Heizkörper aus Abrisshäusern und dem Sanierungsgeschehen. Man muss die Fantasie nicht allzu sehr bemühen, um in den bearbeiteten Fragmenten Gebilde zu sehen: monströse oder ulkige Figuren, Gerippe, Köpfe, die dann jäh zum Störfall mit Drohpotenzial werden, mit surreal-poetischem oder auch militantem Ausdruck.

Roboterhafte Heizkörper

Roboterhaft wirken die veränderten Heizkörper, manche sehen aus wie sich zum Flug erhebende Vögel oder haben die Schnauze eines Krokodils, gleichen Türmen oder hochgereckten Stelen, besonders imposant, wenn sie einer Wirbelsäule ähneln. Sämtliche Rippen hat Frisinger dem Heizungskörper dafür abgeschlagen, sodass man in die Hohlform blicken kann – sozusagen bis ins Mark.

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Seltsam, diese Ähnlichkeit mit jener berühmten „Endlosen Säule“ des Bildhauer-Klassikers Constantin Brancusi von 1918. Und auch bei Frisingers simpler Paraphrase (Titel „Lieber Constantin“), ist es erstaunlich, wie Unendlichkeit durch einen endlichen Skulpturenkörper definiert wird.

Frisinger widmet seine ganze Werkgruppe „Buderus“ der seit 1731 bestehenden, gleichnamigen deutschen Eisenguss- und Heizungsfirma. Witzig, komisch, bedrohlich, aggressiv und poetisch gelang ihm die Verwandlung der industriell gefertigten Hohlgusskörper zu Kunst. Er hat sich an ihnen abgearbeitet, kratzte und schliff die Lackierung ab und polierte das Metall mit Schleifer, Bürste und Sandpapier. „Die Form“, sagt er, „ergab sich durchs Wegschlagen“. So arbeitet ein Bildhauer, der Plastiker arbeitet anders, er baut durch Hinzufügen auf.

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Und das ist bei Frisinger Absicht: Alte Farbreste – Weiß, Grün, Braun, Orange – kleben noch an den Innenstegen der Heizkörper. Diese Farbtupfer sollen als Erinnerung bleiben, etwas erzählen von jenen Leuten, die diese Farben aufs Metall gepinselt haben. Und über all jene, die sich an den Heiz-Körpern (der Begriff betont ja das Körperliche) dieser eisernen Errungenschaft in der Wohnkultur einst wärmten.

Eine Skulptur namens „Birdy“

Intuitiv, also nie mit Kalkül, habe er bei jedem der Schrott-Teile nach der sich ergebenden Form gesucht, sagt Frisinger. Was hier nach Schwerstarbeit, gar nach Vandalenakt aussieht, steht jetzt, silbrig-schwarz, auf weißen Sockeln, wirkt federleicht. Eine Skulptur namens „Birdy“ macht den Eindruck, sie könne wegfliegen, während das Gebilde daneben mit seinen ramponierten Rippen „Spare Rips“ getauft wurde. Ein anderes heißt „Luftikus“.

Frisingers schimmernder Schrottpark ist alles andere als schrottig. Mit der fast systematischen Methode des Wegnehmens von vorhandener Form erweist er sich als Minimalist. Extrem vereinfacht bündeln seine gusseisernen Skelett-„Wesen“ aus industrieller und nun veränderter Form Kräfte und Aussagen, die man universell nennen kann.

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Noch bis vor kurzem füllte Frisinger riesige Schauvitrinen mit bunten Assemblagen aus banalem Alltagsgerät. Wir attestierten ihm in dieser Zeitung, im Bericht über die Berliner Kunstmesse 2011, einen verspielten Konstruktivismus und das freche Vokabular der alten Berliner Dadaisten.

Daran hat sich nichts geändert, nur, dass der Künstler jetzt auch noch mit dem Vokabular der Klassischen Moderne spielt: mit den poetischen Formungen Brancusis, der futuristischen Gestik in Naum Gabos Skulpturen oder mit Marcel Duchamps ironisch umgewidmeten „Ready mades“ um 1917, man nehme nur den berühmten Flaschentrockner.

Auch Frisinger reizt die durchaus heitere Doppeldeutigkeit der vorgefundenen wie veränderten Formen, das Vergängliche und die Möglichkeit, Kaputtes neu aufzuwerten. „Es gibt nichts Nutz- und Sinnloses“, sagt er, „solange man ihm neue Form geben kann.“