Berlin - Vorsicht, Falle! Was hier so leicht, so simpel und spielzeughaft bunt zusammengesteckt aussieht, könnte nämlich auch ganz anders, also keinesfalls harmlos, gemeint sein. Der Tanzschritt auf hölzernem Sockel, das eckig angewinkelte Bein, die spitzige Hüfte, der zurückgeworfene Kopf mit dem sägenartig ausladenden Haarteil und dem knallroten Gesicht haben eine Symbolik, deren Geheimnis erst ergründet sein will und für die erst Worte gefunden werden müssen.

„Kleiner Tanz“ ist eine Holz-Figur aus einem fünfteiligen hölzernen Reigen, links und rechts daneben sind halb surreale, halb comic-artige Gemälde arrangiert. Alles zusammen trägt den Ausstellungstitel „Vielfalt in der Einheit“, ausgebreitet in der erst jüngst eröffneten Galerie „dat“ – die Abkürzung steht für „Democracy Art Transfer“ und betont damit die strukturelle Unabhängigkeit vom traditionellen Kunstmarkt und dessen Trendzwängen.

Eine ganze Rätselreihe

Was man zuerst wahrnimmt, ist ein bizarrer und doch zugleich harmonischer Tanz der eckigen – gedrechselten, geschnitzten, ausgesägten und bemalten Holzgestalten, eine aufgereihte Gestik voller anmutiger spielerischer Komik und mit energievollem Ausdruck. Dieser und etliche weitere Tänzer – oder besagt die kreisförmige und sinnlich anspielungsreiche Brust-Panzerung nicht eher, dass es sich um eine Tänzerin handelt? – lässt derzeit Besucher ziemlich rätseln.

Der Berliner Bildhauer und Maler Hans Jürgen Gabriel, geboren 1952, einst Student und dann Meisterschüler an der Hochschule der Künste (heute UdK,) erhebt in seiner Kunst das Geheimnisvolle, auch Disparate und Fragmentarische zum Prinzip. Er will offensichtlich, dass wir Betrachter mit diesen abstrakt erscheinenden Figuren ein Stück des Wegs, quasi entlang dieser „Tanzlinie“, gehen. Und dass wir dabei die Sprache der Bewegungen, des Ausdrucks und der sich wiederholenden Farben, das Hellblau, Graublau und Dunkelblau, das Gelb, Lila, Orange, Rot und etwas Schwarz aus verschiedenen Blickwinkeln, von allen Seiten also, lesen. Gabriel möchte wohl auch, dass wir den scheinbar schematischen Rhythmus verstehen lernen.

Aus seinen holzpuppenhaften Figuren jedenfalls grüßen unübersehbar Dadaisten, auch die maskenartig typisierten Gesichter, wie die expressionistische Blaue-Reiter-Gruppe um Kandinsky, Jawlensky und Gabriele Münter sie einst malten. Und nicht zuletzt lassen die schematisierten bunten Gliederfiguren an jene berühmten Figurinen und Theaterentwürfe Malewitschs und Kandinskys und die konstruktivistischen Figuren der russischen „Amazonen“-Malerinnen Rosanowa, Popowa, Exter oder Gontscharowa denken.

Den tanzenden Figuren möchte man am liebsten auch eine Wahlverwandtschaft zu den berühmten „Lubok“-Figuren oder „Lubiki“ andichten. Das waren Bild-Text-Satire-Heftchen, die Malewitsch und Majakowski um 1914 in St. Petersburg als „Spiegel der Volksseele“ herausgaben und die die zaristischen Zensoren wütend machten. Die Avantgarde in St. Petersburg und Moskau, eben all die soeben genannten Künstler, nahm diese Bildsprache auf. Selbst Marc Chagall und El Lissitzky ließen sich von den Motiven der Bilderbogen und ihrer leuchtenden Farbigkeit inspirieren. Die Lubiki weisen mit den Bildern und dem erläuternden Text Merkmale des modernen Comics auf, sind aber nur als Vorläufer der Entwicklung des Comics zu sehen; es fehlt da noch die durchgehende Handlung. Der Lubok war schon seit dem 17. Jahrhundert in Russland ein Bilderbogen, der für das Volk gemacht wurde und sich am Wesen des Volkes orientierte. Und so gleichen die Lubiki auch jenen beißend ironischen mittelalterlichen Volksbilderbogen aus deutschen Landen. Hans Jürgen Gabriel kennt und mag diese garantiert.

Denn auch bei ihm täuscht das Derbdrollige, Harmlose der bunten Gestalten mit dem scheinbar mechanischen Bewegungs-Rhythmus auf den ersten Blick. Vor allem lässt sich die Schärfe der Zeitkritik eben nur mit Augen derer lesen, die noch das Spielerische in sich haben und bei denen das Fantastische verfängt.

Wechselnde Blickrichtung

Dafür baut uns der Berliner Bildhauer bunte Brücken: Puppen, Masken, naive Verstell-Spiele, so thematisiert er den schönen Schein, Lüge und Manipulierbarkeit. So spricht er in simplen, witzigen Formungen Absurdes, Vertracktes, Hinterhältiges an. Dabei wechseln die Blickwinkel von frontal bis schräg, von oben nach unten und umgekehrt.

Vor, zurück, zur Seite, ran. Die wie ruckartig vor und zurück-, dann wieder harmonisch, wie auf einer geraden Linie tanzenden Figuren Gabriels winden sich in dauernder Ungereimtheit. Ihre Körper treffen Aussagen durch Gesten, die sie zugleich wieder zurücknehmen.

Komischerweise muss man da an den gerade heiß laufenden deutschen Wahlkampf denken. Und auf einmal nimmt Kunst dadaistische Züge an – und wird, in der ganzen kuriosen Gemengelage zwischen Naivität und Sarkasmus, zwischen Spaß und Ernst, Pathos und Lächerlichkeit – zum aktuellen Welttheater.

www.dat-Galerie.de