Radfahrer in Berlin: Ich habe mich meiner Angst gestellt 

Sie versperren S-Bahn-Türen, haben Kopfhörer auf und klingeln ständig: Berliner Radfahrer. Unsere Kollegin aus Botswana hegt Respekt, aber auch Bewunderung. 

Überall in dieser Stadt sind Radfahrer! Unsere Autorin ist beeindruckt.
Überall in dieser Stadt sind Radfahrer! Unsere Autorin ist beeindruckt.imago/B. Kriemann

Derzeit gibt es einen beliebten TikTok-Trend, bei dem Menschen zwei Dinge nennen, vor denen sie am meisten Angst haben. Ohne den geringsten Zweifel würde ich die Berliner Radfahrer nennen als das, wovor ich mich am meisten fürchte.

Zuerst war ich wirklich beeindruckt davon, dass hier fast jeder mit dem Fahrrad fährt. Mein Vorurteil, dass ich hier nur eine Flotte von BMW und Mercedes-Benz sehen würde, gab ich schnell auf. Sogar Schulkinder fahren so gut mit dem Rad, dass Botswana sich von den Deutschen eine Scheibe abschneiden sollte, statt zu denken, der Weg zur Arbeit mit dem Rad wäre nur etwas für einkommensschwache Berufe wie etwa Wachpersonal, welches in Botswana häufig mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt.

Ansonsten wird das Radfahren in Botswana nur von denjenigen ernst genommen, die es als Hobby an den Wochenenden ausüben oder sich fit halten möchten. Um das Radfahren zu fördern, gibt es in Botswana einen Radfahrwettbewerb für ältere Frauen, die Eimer mit Wasser auf dem Kopf tragen und damit nachahmen, wie es früher üblich war. Einige Reaktionen darauf sind positiv, manche sagen, dass der Anblick von radelnden Rentnerinnen sie dazu inspiriert hat, wieder mit dem Rad zu fahren. Die Reaktion der anderen Seite ist, dass Rad fahren archaisch sei.

Ob die Berliner Radfahrer wohl Kraftausdrücke benutzen?

Wenn Sie in den sozialen Medien von Botswana eine Anzeige eines Fahrradgeschäfts sehen, sollten Sie wissen, dass sich die Kommentare über den Preis lustig machen und witzeln, das Fahrrad wäre so teuer, es sollte sich selbst überall hinfahren können. Außerdem würden sie sagen, dass sie sich lieber einen japanischen Gebrauchtwagen kaufen würden, und sich darin viel wohler fühlen als auf einem Fahrrad. Die Anzahl der Gebrauchtwagen in Botswana hat sich in den letzten Jahren verdoppelt und macht es fast unmöglich, dem Verkehr zu entkommen. Fahrräder würden hier wirklich helfen, aber nein!

Außerdem gibt es in Botswana keine geeigneten Straßen für Radfahrer, und es kommt immer wieder zu tragischen Unfällen, die manchmal tödlich enden. Hier aber gibt es Gegenden, in denen Radwege klar abgegrenzt sind, und wenn man es wagt, versehentlich auf ihnen zu laufen, bekommt man entweder ein wiederholtes Fahrradklingeln oder frustrierte Worte zu hören. Ich sage ausdrücklich Worte, denn ob der Radfahrer Kraftausdrücke benutzt, weiß ich nicht, weil ich kein Deutsch kann. Ich denke, in diesem Fall ist Unwissenheit ein Segen.

Ich habe schon einige Radfahrer gesehen, die sich mit Autofahrern angelegt haben, weil sie das rote Ampelmännchen ignoriert haben, das ich sehr respektiere. Manchmal reicht der Platz auf dem Bürgersteig nicht für Fußgänger und Radfahrer gleichzeitig aus, und ich muss planen, was ich tun soll, wenn ich das Geräusch höre, das ich am meisten fürchte: Die Fahrradklingel! Manchmal überprüfe ich sogar, ob ich auf der richtigen Spur gehe, damit ich nicht mit einem Radfahrer konfrontiert werde.

Eine Sache, die mich ebenfalls beunruhigt, sind diejenigen, die beim Radfahren ihre Kopfhörer aufhaben. Wenn ich darüber nachdenke, wie gefährlich das sein kann, läuft es mir kalt den Rücken herunter. In meiner Kindheit gab es die Ansicht, man wäre kein erfolgreicher Radfahrer, wenn man sich beim Lernen keinen Knochenbruch zugezogen hat. Ich schätze, ich bin wohl kein Radfahrer.

Am meisten fürchte ich mich vor Berliner Radfahrern, wenn sie mit ihren Fahrrädern in den Zug steigen und fast den Ausgang blockieren und man sich ein Blickduell liefern muss, bis man letztendlich beschließt, einen anderen Ausgang zu benutzen, weil sich der Radfahrer nicht vom Fleck bewegen wollte. Abgesehen von dem passiv-aggressiven Verhalten, dass bei manchen Radfahrern zu wünschen übrig lässt, ist die Fahrradkultur in Berlin aber sehr lobenswert und wirklich inspirierend.

Ononofile Lonkokile lebt und arbeitet in Gaborone, der Hauptstadt von Botswana. Sie ist im Rahmen des IJP-Stipendiums Austauschjournalistin bei der Berliner Zeitung. Übersetzt aus dem Englischen von Anika Schlünz.