Mein Name ist Rumen Milkow, und ich fahre seit 20 Jahren Taxi in Berlin. Davor war ich unter anderem Tier- und Krankenpfleger und lebte in Frankfurt am Main. Aber dann hatte ich das Gefühl, dass ich eine neue Herausforderung brauche. Nach zweieinhalb Monaten hatte ich den Berliner Taxischein.

Anfangs hatte ich so meine Bedenken: Wer wird zu mir ins Auto steigen? Zahlen die auch alle? Aber die Bedenken waren unbegründet. Die ganzen Jahre über bin ich in Berlin eigentlich nur zwei Mal in brenzlige Situationen gekommen. Einmal stieg ein Mann ein, der kein Fahrtziel nennen wollte. Er sagte nur: „Fahren Sie einfach los.“ Das kam mir merkwürdig vor, und ich schaffte es, ihn wieder aus dem Taxi zu lotsen: „Passt gerade nicht.“

Taxi fahren ist mein Ding. Es ist für mich Freiheit. Ich will nicht im Büro arbeiten, ich will interessante Leute kennenlernen. Kürzlich fuhr eine alte Dame mit, die mir erzählte, dass sie im Bunker im Volkspark Friedrichshain geboren worden ist.

Nur noch wenige Berliner im Taxi

Das muss man sich mal vorstellen! Ein Leben, das in einem Bunker begonnen hat, während des Bombenkriegs. Ein anderer Fahrgast wollte, dass ich ihn zur Fehlerstraße bringe. Wo die ist, weiß ich nicht mehr, aber der Name hört sich doch gut an.

Ob ich auch schon mal Prominente gefahren habe? Also, ich lege es nicht darauf an. Einmal stieg Johannes B. Kerner mit Frau und Kindern am Olympiastadion ein. Genau, der Moderator! Offenbar bin ich nicht so richtig auf ihn eingegangen. Jedenfalls rief er seinen Fitnesstrainer an und sagte laut und sehr verständlich seinen Namen. Er wollte erkannt werden. Ich habe weiterhin nicht reagiert. Keine Lust.

Ich finde es übrigens auffällig, wie hoch der Anteil der Nichtberliner unter den Fahrgästen ist: Messebesucher, Geschäftsleute, Touristen. Berliner fahren immer seltener Taxi. Für die meisten ist das heute Luxus, denen fehlt einfach das Geld dafür. Mit jeder Fahrpreiserhöhung werden es weniger, das werden wir auch nach der nächsten Erhöhung in diesem Monat wieder merken. Vor 20 Jahren habe ich noch gelernt, was ich tun muss, wenn ich zu einer Eckkneipe bestellt werde: ’reingehen, schauen, ob der Fahrgast überhaupt transportfähig ist und so weiter. Heute kriege ich fast keine Bestellungen aus Eckkneipen mehr.

Letzte Woche habe ich gelesen, dass es jetzt VIP-Taxis mit besonders ausgebildeten Fahrern gibt, die von registrierten Großkunden bestellt werden können. So ein Blödsinn! Dem Normal-Fahrgast bringt das mal wieder gar nichts. Aber der Normal-Berliner gehört ohnehin immer weniger zum Konzept dieser Stadt. Ich fände es besser, wenn die Ausbildung für alle Taxifahrer verbessert würde, nicht nur für ein paar.

Ich habe gelbe Bauhelme im Taxi, manchmal trage ich einen Helm während der Fahrt. Aus Protest gegen die Baustellen. Die schlimmste ist in der Invalidenstraße. Und wenn ich mich dann noch am Hauptbahnhof ins Chaos stürzen muss... Da ist viel zu wenig Platz für Taxis. Wie konnte man nur so was planen?

Seit einiger Zeit fahre ich meist nur noch in den drei Wochenendnächten Taxi, um die 30 Stunden in der Woche. Meist bin ich als „Jäger“ unterwegs in Mitte, Kreuzberg und Friedrichshain, um Fahrgäste aufzugabeln. Prenzlauer Berg läuft nicht mehr so gut, da ist es oft schon sehr ruhig. Da wohnen die Leute, die dort hinwollten, wo etwas los ist, aber jetzt ihre Ruhe haben möchten. So was finde ich schizophren.

Mit dem Esel durchs Balkan-Gebirge gewandert

Vom Taxifahren kann ich leben, aber ich muss ja auch keine Familie ernähren. Es bleibt Zeit für anderes. Am Montag war ich beim Stammtisch, meine Freundin war auch dabei. Ich habe sie dank meines Blogs www.autofiktion.com kennengelernt, dort notiere ich, was ich als Taxifahrer erlebe. Ich wollte über die Seite www.taxigourmet.com schreiben. Dort geht es um Restaurants, die von Taxifahrern empfohlen werden, in Buenos Aires, New York und auch in Berlin. Die Autorin heißt Layne Mosler und kommt aus den USA. Ich habe sie kontaktiert und bei „Käse König“ in der Nähe vom Alex zu Blutwurst eingeladen, auch bekannt als „tote Oma“ oder „Verkehrsunfall“. Es hat ihr geschmeckt, inzwischen sind wir ein Paar. In den USA war sie Taxifahrerin. Ihr Buch „Driving Hungry“ erscheint 2015.

Am Mittwoch war ich bei einer Gedenkveranstaltung für Norbert Randow, der im Oktober gestorben ist. Das war einer der besten Übersetzer aus dem Bulgarischen, und ich habe oft mit ihm gesprochen. Dazu muss man wissen, dass mein Vater Bulgare ist und ich als Kind in Sofia lebte. Ich war auch schon mal mit einer Bulgarin verheiratet. 2012 habe ich einen Esel gekauft und bin mit ihm durchs Balkan-Gebirge gewandert. 40 Tage, 750 Kilometer. Norbert Randow, der in der DDR im Knast saß, hat mir die Rechte an Werken von Aleko Konstantinow überlassen, einem berühmten bulgarischen Schriftsteller. Jetzt geht es darum, eines davon zu übersetzen.

Manchmal bin ich auch am Tag mit dem Taxi unterwegs. Am Freitag ging es wieder zum Flughafen Tegel. In der Herrentoilette am Gate 10, gegenüber vom Schalter der Iran Air, hängt ein Automat, den ich schon mal für meinen Blog fotografiert habe. Da gibt es für vier Euro „Vibrator-Penis-Ringe“ und „Travel Pussys“. Lustig, was es am wichtigsten Berliner Flughafen zu kaufen gibt.

Notiert von Peter Neumann.