Ich tanze Ballett, seit ich sechs Jahre alt bin. Angefangen hat es als Hobby, ein Mal die Woche in meinem Heimatort Xanten am Niederrhein. Aber ich wusste recht schnell, dass ich das auch beruflich machen will. Mit 15 Jahren schaffte ich die Aufnahmeprüfung an der berühmten Royal Ballet School in London und habe dort zwei Jahre lang die klassische Ballettausbildung durchlaufen. Dann kamen noch drei Jahre Bühnentanz-Studium an der Palucca-Hochschule für Tanz in Dresden hinzu, wo ich als Elevin auch an der Semperoper tanzen durfte.

Allerdings hat sich schon mit 15 abgezeichnet, dass ich für das klassische Ballett zu groß sein werde. Mit meinen 1,78 Meter gelte ich, wenn es um die berühmten Schwanensee- oder Dornröschen-Auftritte geht, als Riesin. Im Corps de Ballet sollen alle Tänzerinnen möglichst gleich aussehen, da ist man mit 1,65 Metern Körpergröße einfach besser dran. Das war auch einer der Gründe, an den Friedrichstadt-Palast zu gehen. Hier sind alle Tänzerinnen recht groß, und die Frauen aus der Girlreihe sind ja auch bekannt für ihre langen Beine.

Ich habe während meiner Ausbildung ein Praktikum im Friedrichstadt-Palast gemacht und bin dann mit 21 ganz hierhergekommen. Mein erster Einsatz auf der Bühne war dann auch gleich der Girltanz, der in der berühmten Girlreihe aufgeht. Das war anfangs recht schwer, denn auf Pumps zu tanzen lernt man in der Ausbildung nicht. Aber nachher, in der Show, ist das schon ein tolles Gefühl, Teil der Reihe zu sein. Diesen Effekt, wenn alle Frauen synchron die Beine schwenken, den fand ich schon als Zuschauerin immer toll.

Nach „Yma“ und „Show me“ ist „The Wyld“ nun meine dritte Show. Ich trete in mehreren Nummern auf, zum Beispiel in einer Ballettklassen-Szene, im Urban Dance und in einer Steppnummer. Außerdem bin ich das Cabaret Girl, das mit schwarzem Hut um einen Stuhl tanzt. Mehr Rollen kann man als Tänzerin in einer Show nicht machen. Wenn man bedenkt, dass wir ja acht Shows pro Woche bestreiten. Von Dienstag bis Freitag je eine Abendshow und am Wochenende jeweils eine Nachmittags- und eine Abendvorstellung.

Meine Woche ist ziemlich durchgeplant und sieht für die nächsten zwei Jahre, in denen „The Wyld“ läuft, recht gleich aus. Montags ist keine Aufführung, das ist der einzige Tag der Woche, an dem wir freihaben. Da bleibe ich zu Hause auf der Couch, treffe Freunde oder meinen Halbbruder. Dienstags gibt es noch einen halben freien Tag, da wir am Wochenende doppelt spielen.

Der Rest der Woche sieht dann so aus, dass es um 10 Uhr erst mal ein Balletttraining an der Stange gibt, mit den klassischen Übungen wie Plié, Pas de Bourrée und so weiter. Danach beginnen die Proben zu den Tänzen. Es geht jetzt darum, den Standard und die Energie aus der Premierenvorstellung aufrecht- zuerhalten. Unsere Ballettdirektorin sagt uns, wenn in der letzten Vorstellung etwas nicht so synchron war und dann müssen wir das korrigieren. Putzproben nennt man das. Außerdem gibt es noch die Durchstellproben. Bei 60 Tänzern ist immer mal jemand krank und dann müssen wir mit den Ersatztänzern die Positionen üben.

Nach den Proben ist kurz Pause, und um 18.20 Uhr geht es in die Maske. In 20 Minuten werde ich geschminkt und meine Haare werden auf dem Kopf festgezwirbelt, damit die Perücken draufpassen. Showtime ist um 19.30 Uhr. Von da an ist alles eng getaktet, teilweise muss ich in ein, zwei Minuten Outfit und Perücke wechseln. Da rennen wir wirklich von der Bühne, und jeder Handgriff sitzt. Am Wochenende, mit zwei Shows hintereinander, ist das alles schon ganz schön anstrengend.

Aber wenn wir am Ende Standing Ovations bekommen, kriege ich schon Gänsehaut. Ich schaue mir das Publikum und die Reaktionen immer sehr genau an. Auch wenn wir die Show jetzt zwei Jahre spielen und viel Routine dabei ist, muss man sich immer wieder daran erinnern, dass da fast 2 000 Leute sitzen, die für ein Ticket bezahlt haben und einen schönen Abend haben wollen. Das ist unser Job, dass die Leute das genießen können. Und wenn ich mal einen schlechten Tag habe, muss ich dafür sorgen, dass man das auf der Bühne nicht merkt. Diese Professionalität bekommt man aber schon in der Ausbildung mit, darauf wird man von Anfang an gedrillt.

Ich habe Einjahresverträge, die sich automatisch verlängern, so lange man mit mir zufrieden ist. Sehr viel zunehmen sollte ich zum Beispiel nicht. Aber ich habe keinen strengen Speiseplan und kann essen, was ich will. Die Tänzerinnen sollen bei uns ja eher weiblich aussehen und nicht zu dünn sein.

Ich denke, ich möchte noch eine Weile am Friedrichstadt-Palast bleiben. An klassischen Theatern herrscht nämlich viel mehr Konkurrenzdruck. Bei uns ist die Stimmung sehr entspannt, fast schon familiär.

Notiert von Anne Vorbringer.