Ich bin Joachim Pianka, 54 Jahre alt. Groß geworden bin ich in einem Dorf in Mittelfranken. Meine Leidenschaft für alte Textilien geht bis in die Kindheit zurück. Es fing damit an, dass ich wahnsinnigen Spaß daran hatte, in den Schränken meiner Oma rumzuwühlen und dabei auf alte Sachen zu stoßen, die eine Geschichte erzählen, die Patina haben. Diese Dinge fühlten sich einfach gut an, und ich mochte auch ihren Geruch. Mein größter Traum war es immer, auf einem alten Dachboden zu sein, der bis obenhin vollgestellt ist und der aufgelöst wird.

Als ich Ende der 70er nach Berlin kam, habe ich zuerst mit meinem besten Freund alte Motorradjacken aus den 40er und 50er Jahren auf dem Flohmarkt am 17. Juni verkauft. Und dann habe ich 30 Jahre lang im Reisebüro gearbeitet, erst in Kreuzberg und Neukölln und seit 1999 hier in diesem Laden. Aber das ist für mich Vergangenheit und vorbei. Am Schluss kamen die Leute nicht mehr wie früher mit guter Laune ins Reisebüro, es war auch nicht mehr so, dass der Laden voll war und man den Entertainer spielen konnte. Die Leute ließen sich was raussuchen und haben dann online gebucht. Das machte irgendwann keinen Spaß mehr.

Also habe ich mich auf meine Leidenschaft für alte Klamotten besonnen. Meine Großmutter schickte mir immer so alte Knopfleistenhemden aus einem Textilgeschäft in meinem Heimatdorf. Irgendwann hieß es, die gäbe es nicht mehr. Ich habe dann den Hersteller ausfindig gemacht, die Wäschefirma Merz beim Schwanen in der Schwäbischen Alb. Die Gegend war bis in die 60er Jahre eine Textilhochburg, bis dann die Produktionen nach Asien wanderten. Die Firma hat seit 1911 Funktionsunterwäsche für Arbeiter und Bauern hergestellt, später in den Sechzigern dann bunte Nickipullover. Die haben nichts weggeworfen, sondern alles, was sie nicht verkauft haben, eingelagert. Und so stand ich eines Tages in dieser Fabrik, mit der Chance, den ganzen alten Fabrikbestand zu kaufen, diese Massen an Klamotten. Restbestände alter Wäschestücke, hergestellt in den Zwanziger- bis 70er Jahren.

Ich bekam den Zuschlag, und dann wurden Unterhosen, Hemden und Pullis lastwagenweise in unsere große Lagerhalle in Kreuzberg gebracht. Verkauft haben wir erstmal für drei, vier Euro das Stück auf dem Flohmarkt am Mauerpark. Weil die Leute uns trotzdem noch runtergehandelt haben, sind wir mit den Preisen einfach immer höher gegangen. Schließlich waren es ja Originalstücke, ungetragen, in super Qualität in Deutschland hergestellt. So was kriegt heutzutage keiner mehr hin. Zum Beispiel die klassischen langen Männerunterhosen, Liebestöter genannt, die halten super warm.

Der Flohmarktstand wurde von Woche zu Woche erfolgreicher, und je höher wir die Preise setzten, desto weniger haben die Leute mit uns rumgehandelt. Inzwischen verkaufen wir die Knopfleistenhemden aus den Zwanzigern für 75 Euro. Ende 2010 haben wir dann den Laden aufgemacht, in meinem alten Reisebüro an der Kastanienallee. Inzwischen haben wir auch noch ein zweites Geschäft in der Danziger.

Viele Produkte sind dazugekommen: Funktionsschuhe, Schiesser-Feinripp oder schwedische Strafgefangenenanzüge aus einem Baumwoll-Leinen-Gemisch, die wir mal aus einer Staatsreserve bekommen haben. Die wurden in den Zwanzigern von Sträflingen hergestellt und dann von Arbeitern im Knast und Langzeitpatienten in epidemischen Krankenhäusern getragen. Das ist das Tolle an diesen Sachen, sie erzählen alle eine Geschichte. Die alten Knopfleistenhemden, die ich auch trage, das ist Schlauchware, das heißt, sie haben keine Seitennähte. Die kann heute kaum noch einer herstellen, weil es die Maschinen dazu gar nicht mehr gibt.

Von den Sachen aus der Fabrik haben wir immer noch 120 Paletten, das sind um die 40 Tonnen Klamotten. Für uns ist wichtig, dass die Dinge, die wir verkaufen, fair hergestellt wurden. Und wir versuchen, Nachhaltigkeit zu predigen. Die Hose, die ich anhabe, die wurde seit elf Monaten nicht gewaschen. Dieses pausenlose Waschen ist doch gar nicht nötig. Jeden Tag duschen und die Unterhose wechseln, das reicht.

Zu uns kommen alle möglichen Leute – Schauspieler, Familienväter, Biker mit ihren Harleys, Hipster, Touristen. Am liebsten sind mir die einfachen Leute, die zufällig hier vorbeilaufen und die ich dann komplett umstylen kann. Da kommt ein Mann rein mit Turnschuhen und ausgewaschenen oder künstlich gebleichten Hosen und ist dann happy, wenn ich ihn neu anziehe. Und seine Frau ist auch glücklich. Es macht Spaß, Leuten Dinge zu verkaufen, die die Wertigkeit der Dinge erkennen. Natürlich gibt es auch welche, die mosern, dass die Sachen zu teuer seien. Dann sage ich auch mal, geh halt zu H&M und kauf dort die blutverschmierten Hemden aus Bangladesch, wenn du das willst. Aber die meisten Kunden sind fasziniert, von den alten Kästen, Etiketten, Knöpfen. Man fühlt sich eben zurückversetzt in eine andere Zeit.

Meine Woche sieht so aus, dass ich mich mit meinen Söhnen Aljoscha und Marlon im Laden abwechsle. Am Sonnabend ist unser Spaßtag, da sind wir zu zweit oder zu dritt da, sitzen draußen und beobachten die Leute hier auf der Kastanienallee – das ist wie Kino. Nachts suche ich oft bis 2 Uhr nach alten Sachen und schaue mir Händlerseiten an. An den Tagen, an denen ich freihabe, mache ich Buchhaltung oder hänge einfach ab. Ich gehöre sicher zu den Männern in Prenzlauer Berg, die als Caféhocker ganz oben im Ranking stehen. Das ist für mich Lebensqualität, dass ich mir die Zeit dafür nehme.

Notiert von Anne Vorbringer.