Ich heiße Matthias Zimmermann, bin fast 47 und Schweizer. Aus der Nähe von Grenchen, das ist da, wo die Swatch-Uhren herkommen. Seit 1993 bin ich in Berlin. Hergebracht hat mich Abenteuerlust, ich wollte einfach mal die große, weite Welt sehen. In der Schweiz habe ich Stadtplanung studiert, ja, das geht dort, und Anfang der 90er Jahre waren in Berlin die goldenen Jahre der Planung. Architekten, Bauingenieure, Stadtplaner, die sind aus ganz Europa hergekommen. Da gab es so ein Braindrain von der Schweiz nach Berlin, und da war ich drin. Dann hatte ich Projekte in Oberschöneweide, Frankfurt an der Oder, Eberswalde, Werder an der Havel und so weiter. Ich habe Berlin und Brandenburg sehr gut kennengelernt.

Danach habe ich dreieinhalb Jahre Liegenschaften privatisiert, sogenannte Russenliegenschaften. Das war eine sehr interessante Zeit, solche Sachen hätte ich in der Schweiz nie erleben oder sehen können. Wie der Krieg bis in die heutige Zeit hineinwirkt. Zum Beispiel diese Bombenentschärfungen, die immer im Monatsrhythmus stattfinden, finde ich sehr eindrücklich. Auch den Zustand der DDR zu sehen, dieses Morbide. Das hat eine Anziehungskraft für einen Schweizer, wo bei uns alles so perfekt ist.

Online-Abstimmung für Auslandsschweizer

Ich bin Vizepräsident des Schweizer Vereins in Berlin. Den gibt es seit 1861. Damals haben sich einige Schweizer zusammen getan, die hier waren, um sich gegenseitig zu unterstützen. Dieser Teil ist heute natürlich nicht mehr so wichtig, sondern eher der gesellige Bereich. Auch Kulturpflege, wobei: Was ist die Schweizer Kultur? Interessanterweise haben wir im Verein auch Leute, die kein Schweizerdeutsch mehr sprechen, es vielleicht gerade noch verstehen. Der Verein hat rund 100 Mitglieder, 5 000 plus X Schweizer gibt es in Berlin. Wir sind also nur ein kleiner Teil.

Seit Mai 2013 bin ich auch Auslandsschweizerrat. Die Auslandsschweizerorganisation vertritt die Interessen der Auslandsschweizer gegenüber den Behörden und dem politischen System daheim. Sie hat auch für die Einführung von „Webvote“ gesorgt, mit dem die Auslandsschweizer online abstimmen können. Bei uns gibt es ja etwa viermal im Jahr eine Volksabstimmung. Die Organisation gibt es in Australien, Südamerika, Nordamerika. Frankreich hat die größte Auslandsschweizerorganisation, Deutschland die zweitgrößte. Außerdem bin ich noch im schweizerisch-deutschen Wirtschaftsclub und in der Schweizerischen Wohltätigkeitsgesellschaft. Die ist noch älter als der Schweizer Verein.

Einmal im Monat Stammtisch

Eingetreten bin ich da durch Bekannte vor drei Jahren. Einmal im Monat haben wir einen Stammtisch am Hackeschen Markt, da kommen immer zwischen zehn und 15 Leute. Dann kriegen wir mehrmals im Monat Anfragen von Schweizern, die nach Berlin ziehen. Die haben ganz gezielte Fragen nach Schulen und Wohnungen. Wir organisieren Ausflüge, gehen in Ausstellungen mit Schweizer Bezug: jetzt im Sommer zum Beispiel Paul Klee, dann gibt es im November ein Raclette-Essen, die Weihnachtsfeier, die Nationalfeier am 1. August.

Die Schweizer in Berlin sind eine heterogene Community, falls man sie überhaupt als Community bezeichnen kann. Teilweise sind die in zweiter, dritter Generation hier. Dann gibt es die, die in den 80er Jahren gekommen sind aus ähnlichen Motiven wie die Westdeutschen, die auf die durchsubventionierte Insel wollten. Dann gibt es die Nachwendler, die sehr oft im Bereich Planung und Immobilien tätig sind, und Mitte der Nuller Jahre hat es mit dem Zuzug von Studenten, Künstlern und auch Rentnern begonnen. Zunehmend kommen Schweizer Rentner nach Berlin, weil es hier günstig ist zu leben.

Unseren letzten Stammtisch hatten wir in der Woche nach der Volksabstimmung gegen Zuwanderung. So wie die ausgegangen ist, ist auch die Stimmung im Verein. Es gibt Leute wie mich, etwa die Hälfte, die sagt, dass ist ganz klar zum Schaden der Schweiz. Dieser Rechtspopulismus ist ein kalter Graus für mich. Die Schweiz ist dank ihrer liberalen Bundesverfassung zu solchem Wohlstand gekommen. Jetzt wird versucht – von rechts und von links – die Verfassung zu deformieren. Aber es gibt auch Leute im Verein, die der Schweizerischen Volkspartei nahe stehen, obwohl sie ja selbst auch Fremde im Ausland sind. Wie die sich fühlen, kann ich nicht sagen.

Mit Herz dabei

Die Volksabstimmung hieß „Gegen Masseneinwanderung“, da sieht man also schon Horden, die auf einen zuströmen. Das ist ja bewusst gewählt. Für die Befürworter der Abstimmung stand der Mythos Schweiz zur Wahl, dass die Schweiz sich gegen das böse Ausland stemmen muss. Das ist der Gründungsmythos der Schweiz von 1291, als man sich gegen die bösen Habsburger gestemmt hat. Jetzt hieß es: Die böse EU will uns schlucken. Der Kern waren keine sachlichen Argumente. Da ging es irgendwie dubios um Wohlstandsverlust.

In der Schweiz sehen viele Leute gar nicht, in was für einem wahnsinnigen Wohlstand sie leben. Das sieht man erst, wenn man im Ausland lebt. Die unterste soziale Schicht in der Schweiz hat mit Abstand mehr Kaufkraft als irgendwo sonst in Europa. Die hat eine Aussicht auf eine Altersvorsorge, die ihres gleichen sucht. Der untersten Schicht geht es blendend in der Schweiz, aber natürlich ist sie trotzdem die unterste Schicht. Die waren mehrheitlich gegen die Zuwanderung. Das ist so irrational, denn denen geht es so gut, weil es der Schweizer Wirtschaft durch die Zuwanderung so gut geht.

Jeden zweiten Mittwoch im Monat haben wir den Stammtisch. Anfang April haben wir die Mitgliederversammlung, die müssen wir jetzt schon vorbereiten. Die Einladungen, die Themen, die Kasse muss fertig gemacht werden. Wir haben eine neue Internetseite, da muss für die geleistete Arbeit gedankt werden. Nächste Woche muss ich vor allem an der Internetseite der Auslandsschweizer arbeiten, die ist einfach nicht mehr aktuell. Für alle Vereine habe ich schon problemlos zwei Abende die Woche zu tun. Aber ich bin da auch mit Herz dabei.

Notiert von Annett Heide.