Mein Arbeitstag geht meist schon im Bett los, in der Regel kurz vor halb sieben. Noch bevor ich aufstehe, verschaffe ich mir einen ersten Eindruck über die Betriebslage bei der S-Bahn. Mein Handy dient auch als Wecker und liegt auf dem Nachttisch, dort rufe ich die aktuellen Meldungen der Betriebszentrale auf. Wenn so früh am Morgen schon mehr als zehn SMS eingegangen sind, möchte ich mich manchmal am liebsten gleich wieder hinlegen, aber das geht natürlich nicht.

Ich muss allerdings sagen, dass schon seit längerer Zeit morgens nicht mehr so viele Meldungen eintreffen wie früher. Im April gab es sogar schon Tage, da habe ich überhaupt keine SMS vorgefunden. Da habe ich an der Funktionstüchtigkeit meines Telefons gezweifelt, aber es war wirklich so.

Ich bin froh, dass es nicht mehr so ist wie vor fünf Jahren, als die Krise bei der Berliner S-Bahn am schlimmsten war. Damals bekam ich manchmal 40 oder 50 Störungsmeldungen pro Tag, und meine Arbeitstage dauerten bis spät in die Nacht, weil ein Vorstand noch um zwei Uhr etwas von mir wissen wollte, oder weil ich erst dann Zeit hatte, in Ruhe darüber nachzudenken, wie ein Problem gelöst werden könnte. Auf Dauer lässt sich das nicht durchhalten, das geht nicht.

Auf den Höhepunkten der S-Bahn-Krise fühlte ich mich wie ein Getriebener. Meine Kollegen und ich mussten auf immer neue Probleme reagieren, da hatte ich Angst, in dem ständigen Klein-Klein der Betriebsprobleme unterzugehen und strategische Dinge aus den Augen zu verlieren. Dann habe ich mich manchmal aus dem aktuellen Geschehen herausgezogen, aber ich merkte schnell, dass ich sehr bald den Anschluss verlor. Seitdem will ich immer genau wissen, wie der S-Bahn-Betrieb aktuell läuft. Auch deshalb, weil ich nicht dumm dastehen will, wenn ich plötzlich gefragt werde, warum es Probleme gibt.

S-Bahn-Bank im Kinderzimmer

Wie geht es am Morgen später weiter? Mit dem 694er-Bus oder zu Fuß geht es zum S-Bahnhof Griebnitzsee, wo ich an normalen Tagen kurz vor acht Uhr in die S 1 einsteige.

Manchmal fahre ich vorne beim Triebfahrzeugführer mit, wenn der mich kennt oder wenn ich das Gefühl habe, das er mit mir reden will. Wenn ich in der S-Bahn sitze, kommt es manchmal vor, dass mich ein Fahrgast anspricht, in letzter Zeit gibt es das aber nicht mehr so häufig. Dann habe ich Zeit, auf meinem iPad erste Mails zu lesen und zu schreiben sowie die Zeitungen zu lesen. Ich bekomme auch Mails von S-Bahn-Fahrgästen, einige schreiben mir direkt. Einer hat eine Zeit lang mir jeden Tag eine Mail geschickt, weil er seine Abo-Prämie in bar haben wollte, nicht als Gutschein. Das war aber nicht möglich.

Oft habe ich die Erfahrung gemacht, dass ein Gespräch viel entkrampfen kann, dann rufe ich an. Es gibt aber leider auch einige wenige Menschen, bei denen auch reden nicht hilft. Wenn jemand unter Niveau unflätig wird, höre ich auf.

Manchmal gibt es aber auch ganz lustige Dialoge. Einmal kritisierte ein Fahrgast aus Potsdam, dass er in Wannsee keinen Aushang zu den Bauarbeiten gefunden habe, die ihn dort zum Umsteigen zwangen. Daraufhin habe ich mir den Bahnhof genauer angeschaut und ihm noch aus Wannsee gemailt: Die Aushänge sind doch da, er müsste nur etwas genauer hinsehen. Da hat er sich bedankt, und alles war gut.

Das mache ich übrigens häufiger: Wenn jemand sagt, irgendwo liegt was im Argen, fahre ich auf dem Weg von der Arbeit nach Hause dort vorbei. Oder meine Familie wundert sich, dass ich dafür plädiere, den Sonntagsspaziergang in der Nähe eines bestimmten S-Bahnhofs stattfinden zu lassen.

Alles in Allem macht die Zeit, die ich in meinem Büro am Nordbahnhof zubringe, oft gerade mal zehn Prozent meiner Woche aus. Meist muss ich einmal in der Woche zu DB Regio nach Frankfurt am Main, gegen 5.15 Uhr aus dem Haus, mit dem Auto nach Potsdam und dann im ICE-Sprinter weiter. Genauso oft bin ich bei Mitarbeiterversammlungen, um die Stimmung im Betrieb aufzunehmen. Anfangs wurde bei solchen Gelegenheiten kaum etwas gesagt, jetzt bringen die Mitarbeiter die Probleme offen auf den Tisch. Jeder der vier S-Bahn-Geschäftsführer hat eine Patenschaft für eine Betriebswerkstatt, ich für Wannsee.

Manchmal mache ich auch Dinge, die nicht direkt zu meinem Bereich gehören. Als der Nordsüd-Tunnel 2013 wegen Bauarbeiten gesperrt war, merkte ich, dass an einer Haltestelle für den Ersatzverkehr Fahrpläne fehlten. Ich holte die Aushänge und hängte sie selbst auf.

Seit fast fünf Jahren bin ich nun bei der S-Bahn Berlin, und es war nicht immer einfach. Aber ich fand es wichtig, da zu bleiben. Ich wollte, dass wir wieder schwarze Zahlen schreiben und die Pünktlichkeitsquote über 96 Prozent steigt. Das hat geklappt, und das freut mich.

Etwas erinnert mich auch zu Hause an die S-Bahn: 1992 habe ich für eine Mark eine alte Sitzbank aus Holz gekauft, die steht jetzt im Kinderzimmer meines achtjährigen Sohnes Max. Er fährt übrigens auch so gerne Bahn wie ich.

Sicher, inzwischen kann ich auch mal abschalten, dann schaut nicht ständig die S-Bahn in mein Leben. Trotzdem: Auch nur eine Woche auf einer Insel ohne Eisenbahn, das wäre nichts für mich.

Notiert von Peter Neumann.