Berlin - Ich bin Robert Vinco aus Charlottenburg. Ich bin mit vierzehn zu Hause ausgezogen und habe auf der Straße gelebt beziehungsweise teilweise bei meinen Großeltern. Meine Mutter ist nicht gerade fein mit Kindern umgegangen, die hat geprügelt. Als ich mitkriegte, dass meine Eltern mich in ein Heim geben wollten, bin ich abgehauen.

Auf der Wilmersdorfer Straße, dem Adenauerplatz, dem Richard-Wagner-Platz habe ich gelebt. Geschlafen habe ich bei Kumpels, bei Schwulen, solange die mich nicht angefasst haben, oder wenn das Wetter gut war, im Mausoleum im Schlosspark. Wozu ich Lust hatte.

Erst Erzieher, dann Stahlbetonbauer

Zur Schule bin ich in der Sybelstraße gegangen, Pommern-Oberschule, habe den erweiterten Hauptschulabschluss. Dann habe ich angefangen, Erzieher zu lernen. Das musste ich aber abbrechen, weil ich eine Auseinandersetzung mit einem Vater hatte. Der hatte sein Kind geschlagen und weil ich das selbst kannte, bin ich dazwischen gegangen. Da war ich natürlich nicht mehr als Erzieher tragbar.

Dann habe ich Stahlbetonbauer gelernt und eine Zeit so gearbeitet, aber ich hatte dann eine Ehekrise. Bin dann abgestiegen. Wieder. Habe umgeschult auf Naturkosteinzelhandel und habe im Naturkostladen gearbeitet. War zehn Jahre Vegetarier. Mein ältester Sohn hatte Stoffwindeln, keine Plastikwindeln. Wenn du so lebst wie ich, als Hausbesetzer und in der Punkszene, dann passt das auch.

Ich selbst habe seit 1982 meine Wohnung, dreißig Jahre jetzt. Bin 48. Trotzdem war ich in der Hausbesetzerszene und Punk. Auch als ich gearbeitet habe, habe ich mit den Punks am Wittenbergplatz gesessen und gebettelt, auf die charmante Tour. Was sollte ich zu Hause bei meiner Frau? Die hat immer nur gemeckert. Auch wegen meinem Alkoholproblem. Darauf hatte ich keinen Bock und habe mich nach Feierabend mit den Punks zusammengesetzt. Die haben tagsüber auch auf meine Hunde aufgepasst.

"Nur von Hartz IV leben würde ich nicht schaffen"

Ich bin Langzeitarbeitsloser und bekomme Mehraufwandsentschädigung, bin also 1,50-Euro-Jobber. Ich bin bei der Kleiderhilfe von Chance e.V. Auf dem Bau darf ich nach einem schweren Unfall nicht mehr arbeiten, ich kann nicht mehr auf die Knie, nicht mehr aus dem Rücken, mein rechter Arm ist nichts, da hat die Amtsärztin gesagt, geht nicht mehr. Obwohl ich ein kräftiger Kerl bin. 1,50 Euro die Stunde finde ich in Ordnung. Ich kriege mein Hartz IV und bis zu 190 Euro im Monat dazu, die ich nicht versteuern muss.

Nur weil ich aus einer anderen Szene bin und nicht aussehe wie der gute Samariter mit Flügeln hinten dran, heißt das nicht, dass es mir keinen Spaß macht zu helfen. Leuten, denen es schlechter geht als mir. Mir geht es ja nicht mehr so schlecht. Aber nur von Hartz IV leben würde ich nicht schaffen. Ich möchte mir mal Musik kaufen können und nicht warten, dass sie irgendwann im Radio gespielt wird. Früher habe ich gesoffen und Drogen genommen und einen Weg gefunden, an meine Drogen zu kommen. Bin bald drei Jahre clean, wenn ich mir jetzt eine CD kaufe oder Werkzeug, warum soll ich mir das nicht leisten?

Meine Woche sieht so aus: Ich stehe um fünf auf und gegen 14.30 Uhr ist Feierabend. Das ist jeden Tag dasselbe Spiel. Dann betreue ich noch einen Kumpel, der nicht mehr laufen kann, für den kaufe ich ein oder helfe ihm im Haushalt. Donnerstags und samstags treffe ich mich mit meiner Freundin. Ansonsten ist alles so geregelt, dass ich morgens aufstehe und darauf warte, dass ich zur Arbeit kann.

Notiert von Annett Heide