Meine Woche: „Mein Gebiet sind Mord und Totschlag“

Ich bin Johannes Kobilke, ich bin 39 und Filmkomponist. Ich schreibe Musik für Werbung, Kino- und Fernsehfilme. Mord und Totschlag sind mein Gebiet, regelmäßig mache ich die Musik für den Tatort oder Polizeiruf.

Meist bespreche ich sehr eng mit dem Regisseur, wie wir Musik einsetzen. Wo Akzente gesetzt werden müssen. Ich habe bei jedem Film einen neuen Chef. Es macht Spaß, mit völlig verschiedenen Persönlichkeiten zusammen zu arbeiten. Nehmen wir eine klassische Szene: Die Kommissarin geht in eine Wohnung, die Situation ist gefährlich. Der eine Regisseur meint, jetzt müsse unbedingt spannende Musik einsetzen, ein treibendes Tempo zum Beispiel, wie ein innerer Puls. Der nächste findet, im Gegenteil, jetzt darf auf gar keinen Fall Musik die Spannung stören! Ich muss mich auf die Regisseure einlassen. Manche kenne ich schon länger und weiß, dass sie zum Beispiel eine Abneigung gegen Klavier haben, weil sie als Kind Unterricht nehmen mussten und nicht daran erinnert werden wollen.

Höhepunkt Hollywood

Wenn in einem Film durchgeredet wird, wird es schwierig für mich. Auch der Schnitt entscheidet: Endet ein Dialog mit „Ich muss dich verlassen!“ und dann kommt direkt die nächste Szene, bleibt für Musik kein Raum.

Ich habe Musikwissenschaft und Filmmusik studiert. Mein erster langer Film lief 1999 und hieß „Callboys – jede Lust hat ihren Preis“. Damals waren solche Titel üblich bei den Privatsendern. Meine Eltern haben nicht schlecht geguckt. Zwei Filme habe ich in Hollywood gemacht, einer davon war ein blutiger Horrorfilm. Es war ein Höhepunkt für mich, dort länger zu leben und zu arbeiten.

Oft fragen Leute, ob ich denn den Film zum Komponieren sehen darf. Na klar muss ich den sehen! Meine Aufgabe ist es, den Kern der Geschichte zu erfassen und in Musik zu übersetzen. Eine Fassung des Films bekomme ich als Datei. Die schaue ich in einzelnen Sequenzen immer wieder an. 20 bis 30 Mal, oder wahrscheinlich öfter.

Ein echtes Cello hat mehr Seele

Ich stehe um fünf Uhr auf und arbeite schon mal, bis meine Kinder aufwachen. Und probiere am Rechner und am Keyboard ganz viel aus. So lange, bis ich das Gefühl habe, jetzt stimmt es, jetzt wird die Geschichte verstärkt oder die Musik eröffnet eine neue Ebene. Wenn Ton und Bild zusammen passen, spürt man das ganz deutlich. Etwa 70 Prozent der Musik entsteht digital. Natürlich klingt ein echtes Cello oder eine Gitarre besser und hat mehr Seele. Mit größerer Besetzung wird im Studio aufgenommen.

Ich höre sehr viel Musik und sehe viele Filme. Zuletzt hat mir die dänische Serie „Borgen“ gut gefallen, die lief auf Arte. Mein Beruf hat mich noch nicht versaut, ich kann einen Film genießen, ohne zwanghaft auf die Musik zu achten. Ansonsten schaue ich nicht fern in meiner Freizeit. Den Tatort sehe ich mir auch nicht oft an, muss ich gestehen. Aber wenn, dann verfolge ich parallel die Live-Kommentare dazu auf Twitter. Das ist wie mit Freunden vor der Glotze, mit ironischen Bemerkungen und Schimpfereien.