Berlin - Mein Name ist Käte Niederkirchner. Ich bin Kinderärztin. Meine Mutter Mia war die Schwester von der Käthe Niederkirchner, der Widerstandskämpferin, mein Vater war ein Kommunist aus Frankfurt am Main. Kennengelernt haben sich meine Eltern in Moskau, im Hotel Lux, wo viele deutsche Exilanten gewohnt haben. Ich bin 1944 im Ural geboren, wo meine Eltern in einem Kriegsgefangenenlager angestellt waren, meine Mutter als Sekretärin, mein Vater als Koch.

Meine Tante Käthe war das dritte Kind. Die älteste war die Lene, das ist auch so eine Geschichte. Ihre Mutter, also meine Großmutter, stammte aus einer Zigeunerfamilie, die sie 1889, als sie elf war, als Dienstmagd an eine gutbürgerliche Familie in Ungarn verkaufte. Dann wurde sie von deren Sohn schwanger und mein Großvater, der in der Familie öfter mal reparierte, nahm sie in Obhut. Das Kind wurde nach Amerika verkauft. Unsere Familie steckt voller Eigentümlichkeiten, aber das lehrt auch Toleranz.

Die Käthe war aus Deutschland ausgewiesen worden und im Oktober 1943 sprang sie mit dem Fallschirm aus einem sowjetischen Flugzeug über Polen ab. Sie wollte nach Berlin, wurde aber entdeckt und verhaftet. 1944 kam sie ins Konzentrationslager Ravensbrück. Vorher haben sie und meine Eltern sich noch im Lager Tscheljabinsk gesehen, da war meine Mutter mit mir schwanger und hat versprochen, wenn es ein Mädchen wird, dann heißt es Käte.

Jüngste Abgeordnete in der Volkskammer

Inzwischen weiß man, dass meine Tante von den eigenen Leuten verraten wurde, also von russischer Seite. Sie wurde fast ein Jahr lang in fast allen Gestapokellern Berlins gefoltert, in Ravensbrück ist sie erschossen worden. Und ihr älterer Bruder Paul in Russland. Das habe ich beides aber erst nach der Wende erfahren, als die Dokumente zugänglich wurden. Meinen Eltern war nur mitgeteilt worden, dass die 'beiden Verräter und Anarchisten standrechtlich erschossen wurden‘.

Wir waren im Ural, also Sibirien, arschkalt, nüscht zu essen, unter den Dörflern als Fremde gelebt, als Fritzen, das war der Spitzname für die Deutschen. Wir hatten Typhus und Tuberkolose, aber wir haben überlebt. In Berlin bin ich zur Schule gegangen, habe an der Humboldt-Uni studiert und war hier immer Kinderärztin. Politisches Engagement war in meiner Familie normal. Ich war schon bei den Pionieren Zirkelleiterin. Als ich 21 war, wurde ich die jüngste Abgeordnete in der Volkskammer. Da war ich 25 Jahre lang, bis zur Wende, habe als Vizepräsidentin der letzten DDR-Volkskammer den Einigungsvertrag mit vorbereitet.

Dann kam eine schwer Zeit für mich. Meine Kollegen in der Charité fanden meine Position in der Partei nicht gut, ich bin an den Pranger gestellt worden. Ich war ja Repräsentantin des Systems. Mir wurde gesagt, dass ich ein schlechter Mensch bin. Dabei habe ich eine dicke Opferakte. Das ist rausgekommen, als die Überprüfungen für die letzte Volkskammer stattfanden. Vielleicht war das so, weil ich immer ein freches Mundwerk hatte und nicht erpressbar war. Ich habe meine Akte noch nicht angesehen. Müsste ich mal.

240 Namensträgerkollektive

In der DDR war das Interesse an Käthe Niederkirchner ganz groß. Ich war eine verheiratete Sima, habe aber meinen Mädchennamen wieder angenommen, weil die Leute, die Kontakt zu mir aufnahmen, natürlich was mit einer Niederkirchner zu tun haben wollten und nicht mit irgendwem. Es gab 240 Namensträgerkollektive mit dem Namen, Schulen und Kindergärten und einige andere. Ich bin viel rumgereist und habe meine Familiengeschichte erzählt. Ich werde noch heute von den Älteren, die sich erinnern, angesprochen.

Nach der Wende habe ich eine Psychotherapieausbildung gemacht und habe nun diese psychosoziale Praxis, wohin Kinder mit einem Aufmerksamkeitsdefizit, kurz ADHSler, Autisten und Hochbegabte kommen. Alle, die anders sind. So wie ich selbst. Deshalb komme ich so gut mit denen zurecht! Wenn ich nicht ADHS hätte, was ich selbst diagnostiziert habe, hätte ich diese schwierige Zeit nicht überleben können. ADHSlern fällt immer etwas ein. Das ist keine Krankheit, sondern ein Potenzial. Man kann damit leben lernen.

Ich werde jetzt siebzig, aber an aufhören denke ich nicht. Ich habe jetzt wieder ein neues Projekt. Ich möchte die Schule revolutionieren. Ich möchte, dass ADHS aus der Ecke der Krankheit rauskommt. Es ist von der Medizin als solche gepachtet, und das ist ein Geschäft. Im Grunde ist es eine Eigenheit, keine Erkrankung, aber dieses Denken zu verbreiten, ist nicht einfach.

Montags, dienstags und donnerstags bin ich immer in der Praxis, wobei ich dienstags auch häufig zu Hilfekonferenzen in Schulen oder Ämtern gehe. Freitags habe ich im Prinzip frei, außer ich habe Gespräche bei Physio- oder Ergotherapeuten. Am Mittwoch mache ich meine Projektarbeit, meistens auch an den Wochenenden. Ich werde einen neuen Verein für ADHSler gründen. Dauert noch ein halbes Jahr, dann bin ich soweit. Gelegentlich kann ich mich auch um meine Familie und meine Enkel kümmern.

Notiert von Annett Heide.