Ich bin Hadja Kitagbe Kaba. Ich komme aus Guinea, Westafrika. Ich bin 1985 nach Deutschland gekommen, weil ich verheiratet war. Mein Mann wollte zuerst nach Frankreich, dann nach Berlin, und bei uns sagt man: Die Frau ist die Sklavin des Mannes. Sie folgt ihm immer.

Als meine älteste Tochter 18 wurde, wollte sie nach Afrika, um ihre Wurzeln kennenzulernen. Da war ich geschieden, mit vier Kindern, das war nicht so einfach. Ich habe ein Ticket auf Raten gekauft. Danach hatte ich kein Geld mehr. Ich habe von der Sozialhilfe gelebt und meiner Sachbearbeiterin erzählt, dass ich alles Geld gespart und für meine Tochter das Flugticket gekauft hatte. Sie wollte mir helfen und hat einen Zuschuss beantragt. Stattdessen musste ich das Geld zurückzahlen. Das war eine Katastrophe. Seitdem wollte ich einen Verein gründen, der Afrikanern im Ausland hilft.

Im Jahr 2000 habe ich Mama Afrika in Wedding gegründet. Das Ziel war die Integration von Afrikanern in die deutsche Gesellschaft. Fünf Jahre später habe ich in einem Bericht von Unicef gelesen, dass Beschneidung in Afrika zurückgegangen ist, nur nicht im Sudan und in Guinea. Dort seien 99 Prozent der Mädchen beschnitten. Ich dachte, das stimmt doch nicht. Ich hatte im Fernsehen gesehen, wie Beschneiderinnen ihre Messer wegwarfen.

Sag niemals Beschneidung

Das war im März. Im September bin ich nach Guinea geflogen und schon am ersten Tag sah ich beschnittene Mädchen. Die tragen dann eine bestimmte Kleidung. Ich war total überrascht. Tatsächlich war die Beschneidungskampagne ein Theater. Wenn Unicef kam, wurden die Messer weggeworfen, danach ging es weiter. Nach der Reise haben wir unsere Satzung geändert. Das zweite Ziel von Mama Afrika ist nun der Kampf gegen Beschneidung. In Europa und in Afrika.

In unserer Kultur ist Beschneidung normal. Man hört das von Geburt an, nur das Wort Beschneidung nicht, sondern: Wenn du groß bist, wirst du sauber. Ich war sieben, als ich beschnitten wurde. Ich wollte das selbst, meine Freundin war auch beschnitten. Das Paradoxe ist, dass man sehr zufrieden ist, obwohl es sehr wehtut. Denn damit ist man kein Kind mehr. Mit der Zeit, durch den Kontakt mit anderen Kulturen, habe ich gelernt, dass Beschneidung Unsinn ist. Dagegen hilft nur Aufklärung.

Aber ich sage in Guinea niemals Beschneidung, niemals. Ich lade zu Vorträgen ein, aber ich sage nur, dass ich von meinen Erfahrungen aus Berlin berichten will. Sonst würde keiner kommen. Dann zeige ich einen Film. Beschneidung ist in Guinea seit 1969 verboten, aber sehr, sehr schwer zu bekämpfen.

Es gibt Kinder, die sterben dabei, aber darüber spricht niemand. Es ist tabu. Beschneidung verhindere Prostitution, so etwas wird erzählt. Ich baue jetzt einen Kindergarten in Kankan, der drittgrößten Stadt Guineas. Dort kann man die Familien erreichen, Eltern informieren. Ich wohne in Berlin. Ich kämpfe gegen Beschneidung in Guinea.

Zwei Tage in der Woche bin ich an Schulen

Mein Imam in Kankan sagt, dass er und die Stammeschefs für Beschneidung sind. Er predigt fünfmal am Tag. Ich habe keine Chance. Aber der Kindergarten könnte ein Treffpunkt werden, dort könnte ich Familien mit meiner Kampagne erreichen. Er ist fast fertig, es fehlt noch Wasser, Strom, die Inneneinrichtung. Dafür sammle ich Spenden bei Veranstaltungen, in Kitas, auf Messen. Wir brauchen Geld, um Kleidung und Spielzeug nach Kankan zu transportieren.

Ich bin jeden Tag im Büro von Mama Afrika und mache Beratung. Ich selbst habe vier Kinder, meine Töchter sind nicht beschnitten. Es kommen auch viele Studenten, die ihre Diplomarbeiten über Beschneidung schreiben. Das Interesse daran in Deutschland ist groß. Ich halte bundesweit Vorträge. Einmal im Monat mache ich ein Frühstück für alle Afrikaner in Wedding. Es kommen aber fast nur Frauen. Jeden Mittwoch veranstalte ich einen Nähkurs.

Zwei Tage in der Woche bin ich an Schulen, ich koche mit Schülern afrikanisch. Wir basteln Schmuck und wir machen Hausaufgabenbetreuung. Ich gehe auch ins Jugendamt, auf Messen. Außerdem gehe ich selbst zu Vorträgen über Wassermanagement, das ist auch wichtig für mein Land.

Die Leute in Deutschland denken immer, ein Mädchen, das beschnitten ist, sei nicht normal, sondern von einer anderen Welt. Es ist aber so normal wie alle anderen. Ihre Mutter ist auch nicht kriminell, weil sie ihre Tochter beschneiden ließ, sondern aus einer anderen, Jahrhunderte alten Kultur.

Notiert von Annett Heide.