Ich heiße Ludger Rosenau, aber hier in der Bahnhofsmission bin ich der Lutz. Für alle, wie es auf meinem Namensschild steht. Es ist mir wichtig, dass wir hier alle gleich sind, Mitarbeiter wie Gäste. Die Gäste sind die Armen und Obdachlosen, die jeden Mittag herkommen. Einmal in der Woche gebe ich ihnen Essen aus. Seit einem Jahr bin ich pensioniert, aber als ich vor drei Jahren in der Bahnhofsmission angefangen habe, war ich Manager bei Siemens. Ich hatte 800 Leute unter mir. Nadelstreifen waren meine Welt, ich bin durch die ganze Welt gereist, in den edelsten Hotels abgestiegen.

In Indien wurde ich mal morgens zum Flughafen gefahren, da wurden gerade Tote eingesammelt. Menschen, die in der Nacht auf der Straße gestorben waren. Ist eben so, dachte ich damals. Ich war völlig gleichgültig. Dann habe ich eine schlimme Krankheit bekommen und habe mir geschworen, dass ich in der Bahnhofsmission arbeiten werde, wenn ich keinen Tumor im Kopf habe.

Nun mache ich das seit drei Jahren. Immer donnerstags. Montags habe ich frei, dienstags treffe ich meine Enkeltochter, mittwochs und freitags gehe ich mit meiner Frau schwimmen, danach essen wir Fisch. Und jeden Morgen bete ich als erstes. Ich bin ein sehr gläubiger Mensch. Als ich angefangen habe, sagte meine Frau: „Das kannst du doch überhaupt nicht. Das ist doch gar nicht deine Welt.“ Wir haben dann erstmal Stillschweigen vereinbart, unseren Kindern gegenüber und auch Siemens gegenüber. Ich wollte das nicht sagen, ich wollte nicht plötzlich als Heiliger da stehen.

Aber dann kam ich eines Abends von der Schicht und zwei meiner Mitarbeiter sahen mich. Ich kam von der falschen Seite, nicht vom Busbahnhof, sondern von der dunklen, schmutzigen Jebensstraße. Ich habe ihnen nicht gesagt, was ich dort zu suchen hatte. Die vermuteten Kokain oder Stricher, jedenfalls hat mir das am nächsten Morgen so ähnlich der Betriebsrat mitgeteilt. Mein Aufenthalt am Zoo hatte sich in der Firma schon herumgesprochen.

An Menschen, die streng riechen, die nicht mehr so ganz bei sich sind oder offene Füße haben, muss man sich gewöhnen. Es kommen aber auch viele arme Leute. Mittlerweile komme ich mit allen und mit allem zurecht. Ich wische Blut und Erbrochenes weg, wechsele Windeln und reinige Eiterwunden. Man erlebt hier viele rührende Geschichten. Man bekommt viel zurück.

Ich steige immer noch in schönen Hotels ab, gerade vor zwei Wochen erst. Ich bekomme jetzt rückwirkend jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn ich die traumhaften Buffets sehe und daran denke, von wie vielen ich gegessen habe und wo wahrscheinlich die Hälfte weggeworfen wurde. Aber man kann die Welt nicht verändern, das habe ich hier auch gelernt.

Notiert von Annett Heide.