Lehre aus der Silvesternacht: Schreckschusswaffen verbieten!

Die Diskussion ums Böllerverbot geht am Kern des Problems vorbei. Denn Teile der Bevölkerung in Deutschland bewaffnen sich immer mehr. Ein Kommentar.

Auch für Polizisten ist aus der Ferne nicht zu erkennen, ob es eine scharfe Waffe oder eine Schreckschusspistole ist.
Auch für Polizisten ist aus der Ferne nicht zu erkennen, ob es eine scharfe Waffe oder eine Schreckschusspistole ist.imago/Zoonar

Die hitzige Debatte wird sicher folgenlos bleiben, die Debatte um ein Verbot der Silvesterböllerei. Auslöser sind die martialischen Bilder von regelrechten Straßenschlachten in der Silvesternacht in Neukölln.

Feuerwerk und Raketen sind aus rationaler, finanzieller und ökologischer Sicht ziemlich sinnlos und erschrecken viele Menschen, aber auch Tiere – in freier Natur und zu Hause. Aber es ist bei vielen noch immer Tradition, das alte Jahr mit viel Lärm zu entlassen. Und da 99,99 Prozent aller Pyro-Fans recht korrekt geballert haben, wird das Ritual sicher auch 2023 nicht verboten. Die Täter sind meist jugendliche Angeber mit oder ohne Migrationshintergrund oder Kleinkriminelle, die Raketen gezielt auf Menschen schießen, auf Autos oder in Wohnungen.

Die Debatte wird schnell im Sande verlaufen, denn das nächste Silvesterfest ist weit, und ein Verbot, das sich in der Realität nicht durchsetzen lässt, macht die Staatsgewalt eher lächerlich.

Silvesternacht in Neukölln: Feuerwehrmänner löschen an der Sonnenallee einen Reisebus, der von Unbekannten angezündet worden war.
Silvesternacht in Neukölln: Feuerwehrmänner löschen an der Sonnenallee einen Reisebus, der von Unbekannten angezündet worden war.dpa/Paul Zinken

Dabei besteht akuter Handlungsbedarf. Denn in der lautesten Nacht des Jahres waren verstörende Bilder von jungen Männern zu sehen, die auf offener Straße mit Pistolen um sich schossen. Da mit solchen Schreckschusswaffen keine Projektile abgefeuert werden, gelten sie als recht harmlos – dabei können sie zu schwersten Verletzungen führen und auch tödlich sein.

Doch nach geltender Rechtslage kann sich jeder eine solche Waffe einfach so kaufen. Da stellt sich die Frage: Warum ist hierfür kein Waffenschein nötig?

Deutschland ist anders als die USA: Dort gehört der Besitz einer tödlichen Waffe zu den Grundrechten. In Deutschland hingegen gilt der Waffenbesitz als Privileg und ist eigentlich genehmigungspflichtig. Die Angelegenheit ist typisch deutsch und kompliziert: Es gibt den Großen und Kleinen Waffenschein, die Waffenbesitzkarte, spezielle Regelungen für Jäger und Sportschützen. Wer eine scharfe Waffe und den Großen Waffenschein will, muss strenge Auflagen erfüllen.

Da greifen viele lieber zur Schreckschusswaffe. Die kann frei gekauft werden. Die meisten dieser Waffen werden offensichtlich illegal genutzt. Denn ihre Zahl wird auf 15 Millionen geschätzt. Dem stehen aber „nur“ 768.287 Kleine Waffenscheine gegenüber, die offiziell nötig sind, um eine solche Waffe auch „führen“ zu dürfen, also zu benutzen. Diese Zahl war 2015 übrigens nur halb so hoch.

Die Feuerwehr war in der Berliner Silvesternacht im Dauereinsatz.
Die Feuerwehr war in der Berliner Silvesternacht im Dauereinsatz.Volkmar Otto

Teile der Bevölkerung rüsten auf. Derzeit sind fünf Millionen scharfe Waffen legal in Privatbesitz. Die Zahl der illegalen Waffen schätzt die Gewerkschaft der Polizei auf 20 Millionen, dazu kommen die 15 Millionen Schreckschusswaffen. In Deutschland leben 63 Millionen Menschen zwischen 18 und 80 Jahren. Da der Gebrauch von Schusswaffen eine Männerdomäne ist, kommen somit auf 31 Millionen Männer wohl 40 Millionen Waffen.

Immerhin steht im Koalitionsvertrag der Bundesregierung, dass nun auch für den Kauf von Schreckschusswaffen ein Kleiner Waffenschein nötig sein soll. Den Gesetzentwurf will die Innenministerin bald den Kollegen im Kabinett vorlegen.

Nun zur Grundfrage: Wozu werden Waffen gebraucht? Nicht um sie an die Wand zu hängen. Polizisten schützen sich und uns vor Kriminellen, Jäger erlegen Wild, Soldaten schießen auf Soldaten, Sportschützen auf Zielscheiben.

Aber wozu sind Schreckschusswaffen da? Sie wurden 1905 patentiert: Mit dem Pfeffergasgemisch der Patrone sollten Forstbeamte oder feine Damen sich gegen Strolche und Wegelagerer wehren können. Stellen wir es uns bildlich vor: Eine allein lebende Seniorin sieht einen Einbrecher, sie versteckt sich nicht oder ruft die Polizei, sie zieht ihren Schreckschuss-Colt. Flieht der Kriminelle dann oder zieht er seine scharfe Waffe?

Oder nachts auf der Straße: Kein Polizist kann erkennen, ob der Mann vor ihm eine scharfe Waffe auf ihn richtet oder eine Schreckschusswaffe. Die sehen täuschend echt aus.

Oder eine Silvesternacht: Wenn Ballerspiele am Computer tatsächlich die Hirne der Spielenden abstumpfen gegen Gewalt, wie ist es dann, wenn Leute mit Schreckschusswaffen auf der Straße rumballern?

Der Schritt zur scharfen Waffe ist klein. Zeit zur Abrüstung. Wenigstens bei den Schreckschusswaffen. Es gibt wirklich nur sehr wenige Menschen, die eine solche im Privatleben benötigen. Denn die Signalpistolen auf Schiffen sind Dienstwaffen, genau wie die Schreckschussrevolver, mit denen auf dem BER die Vogelschwärme verscheucht werden.