Billigtickets für die Öffis: Warum Berlins Grüne ein Problem damit haben

In Berlin tobt ein Überbietungskrieg bei den Ermäßigungen für Busse und Bahnen. Verlierer sind ausgerechnet die Grünen. Was ist da los?

Wie teuer darf’s denn sein? S-Bahnen am Bahnhof Grünau.
Wie teuer darf’s denn sein? S-Bahnen am Bahnhof Grünau.dpa/Christoph Soeder

Erinnert sich noch jemand an Michael Müller? In den letzten Jahren seiner Amtszeit als Regierender Bürgermeister von Berlin war der Sozialdemokrat ein nimmermüder Streiter für ein 365-Euro-Jahresticket für den öffentlichen Personennahverkehr – also einen Euro pro Tag. So einfach zu merken. So populär.

Müller ist damals bekanntlich in seiner rot-rot-grünen Koalition gescheitert. Solche Dumpingpreise wären schädlich, hieß es. Die landeseigene BVG brauche unbedingt die Einnahmen aus den stetig steigenden Ticketpreisen. Nur so könne der öffentliche Personennahverkehr ausgebaut und damit attraktiver werden, damit ihn mehr Menschen nutzen mögen. Am lautesten war der Widerstand übrigens bei den Grünen, die damals das Verkehrsressort im Senat führten.

An der Konstellation hat sich ein Jahr später nicht so wahnsinnig viel verändert: Jetzt regiert Rot-Grün-Rot, das Rote Rathaus ist weiterhin in SPD-Hand, Verkehr ist weiterhin bei den Grünen.

Das 9-Euro-Ticket war ein Verkaufsschlager und ist ein Vorbild für die neuen Berliner Regelungen

Und doch ist etwas anders. Das 9-Euro-Ticket in diesem Sommer war ein Verkaufsschlager. Auch und vor allem in Berlin. Mitten in die Energiepreiskrise hinein machten sich SPD und Linke daraufhin für einen Berliner Alleingang stark: 29 Euro kosten die Tickets seit Oktober, vor wenigen Tagen wurde das Angebot bis Ende März nächsten Jahres verlängert. Mindestens, wie es heißt. In der SPD kann man sich eine Verlängerung bis zum Jahresende 2023 vorstellen.

Und die Grünen? Sie haben solche Billigtickets lange mehr oder weniger deutlich spürbar weiterhin abgelehnt. Und auch jetzt verweisen sie darauf, dass doch im Bund an einem Nachfolger gearbeitet werde. 49 Euro soll der kosten. Nur leider steht der Startzeitpunkt in den Sternen, zu unterschiedlich sind die Voraussetzungen und Vorstellungen in den einzelnen Bundesländern.

Billigtickets sind in Wahrheit sehr teuer

Tatsächlich sind die Billigtickets sehr teuer. Geschlagene 500 Millionen Euro will die Berliner Koalition für die Einnahmeausfälle bei BVG und Co. ausgeben. Das kann man machen in Zeiten gestiegener Steuereinnahmen infolge der Inflation. Aber danach? Ist das nachhaltig?

Währenddessen feiert sich die SPD für das 29-Euro-Ticket und die Linke für das 9-Euro-Sozialticket. Und beide lassen absichtsvoll öffentlich fallen, dass am Ende sogar die Grünen verstanden hätten, dass es schlau ist, gemeinsam für ein Billigticket zu streiten. Im Übrigen seien es doch die Grünen gewesen, die die Absenkung des Preises für das Sozialticket zunächst gar nicht auf dem Schirm gehabt hätten.

Das alles muss die Ökopartei schmerzen. Erst recht aber, dass ausgerechnet die von vielen Grünen als Auto-Lobbyistin geschmähte Franziska Giffey sich hinstellen und den Berliner Vorstoß als gleich mehrfach wirksam loben kann: zunächst als Beitrag zur sozialen Teilhabe für viele Menschen in der rasenden Inflation. Zugleich spare jede zusätzliche Fahrt mit Bus und Bahn eine mit dem Auto. Das sei in Zeiten drohender Energieknappheit doppelt wichtig. Wenn sich dann auch noch Kunden, durch günstige Angebote angelockt, womöglich längerfristig für die Öffentlichen entscheiden würden, sei das auch ein Beitrag zum Klimaschutz.

Das sind ur-grüne Argumentationsketten. So ist das Berliner Gezerre um ein Billigticket auch ein Musterbeispiel dafür, wie man sich politisch geschickt verkauft. Die SPD hat früh verstanden, dass man dem unter den allgemeinen Kostensteigerungen ächzenden Volk unbedingt einen Nachfolger für das 9-Euro-Ticket anbieten muss. Dass man den Menschen jetzt, in Zeiten der Krise, nicht etwas wegnehmen dürfe. Die Grünen haben das aus fachlich fundierten Gründen so nicht gesehen. Damit haben sie sich selbst im Weg gestanden und eine Chance verschenkt.